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Lesejahr C |
Wie die meisten Texte der Advents- und Weihnachtszeit, so stammt auch
dieser sonntägliche Lesungstext aus den hoffnungvollen Schriften der
Exilszeit (vgl. SKZ 5152/1997), die in unerwarteter Weise ein Volk
zusammenschweissten, das in der Gefahr war, sich aufzulösen.
Eingebettet in die übrigen Schriften der Zweiten Jesajas finden sich
vier psalmartige Gedichte, mit einem leitmotivisch wiederkehrenden Thema.
Die Lieder handeln von einem rätselhaften Knecht Gottes (äbäd
adonai). Wer ist damit gemeint? Die christliche Exegese hat sehr früh
und wie selbstverständlich die Worte dieser Lieder auf Christus bezogen.
Jesus von Nazareth war für sie der paradigmatische Gottesknecht, der
dem in diesen Liedern gezeichneten Image perfekt entsprach. Satz für
Satz wurden die Liedverse auf das Leben, Leiden und Sterben Christi hin
ausgedeutet. Das erste Gottesknechtlied zum Beispiel in Mt 12,1821.
Die Lieder machen aber auch ohne christliche Deutung Sinn. Die Überlebenden
des verwüsteten Landes Juda konnten sich sowohl als einzelne wie auch
im Kollektiv mit der Knechtsgestalt identifizieren. Sie verlieh ihnen in
ihrer öffentlichen Schande neue Würde, denn die Weltordnung wird
in diesen Liedern auf den Kopf gestellt. Es gibt nur wenige Texte, die so
deutlich sagen, dass Erfolg kein Name Gottes ist. Der Gottesknecht tritt
gleichsam an die Stelle des nicht mehr vorhandenen Königs. Er ist der
Antikönig, der dem Unrecht Recht entgegenzusetzen vermag.
Das erste Lied vom Gottesknecht spielt vielfältig auf das königliche
Inthronisa-tionsritual (vgl. Kasten) an und erhebt so den Gottesknecht zur
königlichen Gestalt, allerdings zu einem König ganz neuer Art,
wie Gott selber sagt (42,9). Versehen mit dem Geist Gottes bringt er den
Völkern das Recht (42,1). Sein Auftreten ist unauffällig, ohne
Pomp (42,2). Seine Herrschaft zeichnet sich aus durch Milde und Rücksicht
auf das Schwache und Gefährdete (42,3). Er ist unermüdlich und
sonnt sich nicht unter seinen Lorbeeren. Seine Herrschaft ist für die
ganze Welt, das heisst im Rahmen der israelitischen Geographie: bis zu den
Inseln im Mittelmeer, eine einzige Wohltat (42,4). An diesen Antikönig
ergeht ein Gotteswort anlässlich seiner Einsetzung, ein Wort jener
lebensspendenden Macht, die alles mit Atem und Geist (hebr. ruach) durchflutet
(42,5). Er wird bei der Hand gefasst wie der König von der Gottheit
bei der Krönung und erfährt anlässlich der Verlesung des
Protokolls seine Bestimmung zum «Bund meines Volkes» (börit
'am) und «Licht der Völker» ('or gojim). Diese Abstufung
zwischen Juden und Nichtjuden (42,6) ist es, die in der christlichen Lesart
durch den Neuen Bund im Blute des Gottesknechtes Christus aufgebrochen werden
wird. Wichtiger als dogmatische Abgrenzungen sind die Folgen dieser Königseinsetzung:
eine Amnestie für politische Häftlinge als Grundlage für
eine Welt, die keine Ausgrenzungen, keine dunklen Kontinente mehr kennt
(42,7). Für die Realisierung dieses aussergewöhnlichen Regierungsprogrammes,
das nicht den Grundsätzen autoritärer Herrschaft entspricht, garantiert
JHWH mit seinem Namen, der für Qualität bürgt, denn seine
früheren Verheissungen haben sich auch erfüllt (42,7).
Auf dem Hintergrund der Gottesknechtlieder kann das Leben Christi wie eine entfaltete Einsetzung als König, als Sohn Gottes gelesen werden. Wenn wir die Legende von der Zeugung und Geburt des göttlichen Kindes einmal beiseite lassen, so beginnt dieses Ritual mit der Reinigung bei der Taufe, findet seinen Höhepunkt bei der Dornenkrönung und Erhöhung am Kreuz und endet mit der Inthronisation zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters als Herrscher über das Reich Gottes. Ganz im Sinne der Gottesknechtlieder des Ersten Testamentes bleibt es aber nicht bei dieser einmaligen Einsetzung eines einzelnen. Vielmehr realisiert sie sich potentiell im Leben jeder Christin, jedes Christen, das mit der Taufe beginnt und mit der Auferstehung endet. Die Inthronisation als König bzw. Königin wird ein demokratisiertes Recht. Welche Würde erhält das christliche Leben, wenn wir es in königlichem Sinne gestalten und uns gegenseitig in die Freiheit entlassen!
Die Berichte von Amnesty International zeigen mit viel Fakten und erschreckenden Zeugnissen, wie weit wir vom Ideal der Zweiten Jesajas einer generellen Amnestie aller Gefangenen und Entrechteten entfernt sind. Besonders bedrückend wird für uns Christinnen und Christen die Lage, wenn wir erfahren, dass es Getaufte sind, die das Dunkel über die Völker hereinbrechen lassen und dass es Getaufte sind, die die Hände in den Schoss legen und das Heil immer von woanders erwarten. Samuel Beckett hat dieses apathische Warten schon 1952 in «Warten auf Godot» auf eindringliche Art und Weise als ein sinnloses, hoffnungsloses Warten demaskiert, das in die groteske Erstarrung führt.
Entsprechend der grossen Bedeutung des Königs im Alten Orient war seine Einsetzung ein umfassendes, symbolreiches Zeremoniell. «Die Riten der Inthronisation schaffen eine Wirklichkeit, die sich fortan Tag für Tag als lebendig erweist» (Othmar Keel). Schon 1961 hat der Alttestamentler Gerhard von Rad nachweisen können, dass das judäische Königsritual dem ägyptischen, von dem es viele Darstellungen einzelner Episoden gibt, in manchen Punkten ähnlich war. Es begann wohl mit der feierlichen Reinigung des Königs, für die man sich in Jerusalem zur Gichonquelle begab (1 Kön 1,38). Die Waschung endete in Juda mit der Salbung (Ps 89,21). Dann wird der König von zwei Göttern bei der Hand ergriffen (Ps 73,23f.; Jes 45,1; vgl. Bild) und zum Ort der Krönung durch Gott (Ps 21,4; 132,18) geführt. Dabei wird dem jungen König ein Protokoll überreicht (2 Kön 11,12; Ps 2,7; 89,40). Es enthält seine Titulatur (2 Sam 23,1; Jes 9,5) und gute Wünsche der Gottheit (Ps 72,17), zu deren Rechten sich der neue König setzen darf (Ps 110,1). Mit diesem Akt, der Inthronisation, tritt das Königtum in Kraft. Jedesmal, wenn der König sein Königtum in besonderer Weise aktualisiert, zum Beispiel bei der Rechtsprechung, wiederholt er den Akt der Inthronisation und spricht ex cathedra. Dann bringt er durch Worte (Ps 2,711; 45,36; 72,8; 110,1f.) oder eine Zeichenhandlung seine Ansprüche auf die Weltherrschaft zum Ausdruck. In Ägypten bestand sie im Abschiessen von Pfeilen in die vier Himmelsrichtungen oder im Zerbrechen von Töpfen mit den Namen der Landesfeinde (vgl. Ps 2,9). Die Inthronisation des Königs endet mit der Anerkennung des Königs durch das applaudierende Volk.