SKZ 46/1998

INHALT

Leitartikel

Das fliessende Licht der Gottheit

Mechthild von Magdeburg, erschlossen von Rosmarie Tscheer

 

Mechthild ist 1207 oder 1210 in der Diözese Magdeburg als Kind wohlhabender, adeliger Eltern geboren worden und hat sich offenbar eine gute höfische Bildung angeeignet. Einerseits mag das Armutsideal der Franziskaner andererseits aber auch ihr eigenes Streben nach Vollkommenheit und gelebter Nachfolge Christi sie dazu bewogen haben, um 1230 das Elternhaus zu verlassen und sich in einen Magdeburger Beginenhof zu begeben, wo sie während dreissig Jahren ein strenges geistliches Leben gemäss den evangelischen Räten: Glaube, Liebe, Hoffnung führt. Entsprechend dem damaligen Frömmigkeitsverständnis unterwirft sie ihren Körper harten Bussübungen, um den Weg der inneren Läuterung zu gehen und die Einformung des eigenen Willens in den Willen Gottes zu erlangen. Mechthild erachtet es aber auch als ihren Auftrag, aktiv am Leben und Geschehen der Kirche teilzunehmen. Wie viele Beginen, deren Namensherkunft im übrigen unklar ist und die sich gegen Ende des 12. Jh. vor allem in den Niederlanden, den angrenzenden rheinischen Gebieten und Nordfrankreich gruppieren, betreibt sie eifrig Bibellektüre, kümmert sich um arme Kinder, unterrichtet, steht kranken und alten Menschen bei. Solchermassen übt sie ein tätiges Christentum. Daneben pflegt sie Kontakt mit Mitgliedern des Dominikanerklosters von Halle, wo ihr jüngerer Bruder Balduin ein Ordensstudium absolviert und eintritt. Sie lässt sich von Ordensleuten dieses Klosters beraten und geniesst wahrscheinlich auch ihren Schutz, was ihr sehr zustatten kommt, hält sie doch mit ihrer Kritik an Geistlichen nicht zurück. So schreibt sie an einer Stelle, dass Gott die Domherren Böcke nenne<1>, und in der Vorrede ihres bedeutenden Werkes «Das fliessende Licht der Gottheit» lesen wir: «Dieses Buch sende ich nun als Boten allen geistlichen Leuten, die die Säulen der Kirche sind, den guten wie den schlechten; denn, wenn die Säulen fallen, dann kann das Gebäude nicht überdauern.» Sie verfügt über ein erstaunliches Sendungsbewusstsein, sagt sie doch, dass dieses Buch allein von ihr künde und ihr Geheimnis offenbare, um Gott zu verherrlichen, wobei alle, die es verstehen wollen, es neunmal lesen sollen.<2>
Mechthild von Magdeburg schenkt uns eine unerschöpfliche Glaubens- und Lebenslehre, da wir bei ihr eine Einheit des Denkens, Fühlens und praktischen Lebensvollzugs feststellen. Wir erahnen ihre persönliche Liebesbeziehung zu Gott, nehmen jedoch auch den Zusammenklang mit dem heilsgeschichtlich-kosmologischen Geschehen wahr: Aufschwung und Niedersinken der Seele entsprechen dem Fliessen der Gottheit. Es veranschaulicht Gottes überströmende Liebe, die sich im Schöpfungswerk, ganz besonders in Christi Menschwerdung, aber auch in seiner Höllenfahrt manifestiert. Trotz Kirchenkritik und Höllenvisionen steht die göttliche Liebe als Ursprung und Ziel aller menschlichen Liebe im Mittelpunkt. Wir erkennen die Dynamik einer Liebe, die sich nicht nur im Aufstieg und in der mystischen Vereinigung mit dem Geliebten bewährt, sondern auch im «Entsinken» aus Gehorsam gegen Gottes Willen. Diese Dynamik der Bewegung, das Fliessende, Strömende von Licht, Feuer, Wasser als Ausdruckskraft der göttlichen Liebesgaben ist fortwährend spürbar, sowohl in der mit unseren Sinnen wahrnehmbaren Welt als im Denken und in der allein dem suchenden Geist zugänglichen, übersinnlichen Welt. Daher die Metaphorik von Wasser und Wein, höfischer Liebesbeziehung von Braut und Bräutigam, die Bilder von Berg, Licht, Feuer, die beinahe unerschöpflich anmuten. Als überzeitliche Metapher verwendet sie in ihrer mystischen Sprache die Vision von Gott als «Berg», während sie an anderen Stellen den Bräutigam einen «giessenden», «fliessenden», «brennenden», «verschmelzenden» Gott nennt. Häufig gehen mystischer Erfahrungsbericht und theologisch-ethische Reflexion ineinander über. In kühnen Strichen entwirft sie mit wunderschönen Bildern ihr Gottesbild, zeigt uns einen Gott und Schöpfer, den sie ernst nimmt und dem sie existentielle Fragen stellt.
Zwischen 1250 und 1259 entstehen die Bücher I­V, von 1260 bis 1270/71 Buch VI, wobei wir nicht wissen, wie gross der Einfluss ihres Beichtvaters Heinrich von Halle war, der die Aufzeichnungen redigiert, möglicherweise auch da und dort «korrigiert» und die Reihenfolge der Bücher nach eigenem Gutdünken bestimmt. Allerdings bringt dieser Dominikaner ihr Werk an die Öffentlichkeit und vergleicht Mechthild mit den Prophetinnen Debora (Ri) und Olda (2 Kön), die beide vom Heiligen Geist über die Geschicke Israels belehrt werden.<3>
Obwohl sie in Heinrich von Halle einen Verbündeten hat, erlebt sie zwischen 1260 und 1270 Anfeindungen gegen ihre Person und ihr Werk. Es mag damit und mit der zunehmend bedrohlichen Lage der Beginen zusammenhängen, die mit ihrer Mobilität ­ sie waren ja keiner Oberin unterstellt ­, ihren mannigfaltigen Aktivitäten und vielleicht auch mit ihrer Gelehrsamkeit vielen Geistlichen «ein Dorn im Auge» waren, dass sie sich 1270 ins Kloster Helfta bei Eisleben zurückzieht, wo sich zu der Zeit die beiden ebenfalls schreibenden Zisterzienserinnen: Mechthild von Hackeborn (1241­1299), Autorin der «Visionen und Offenbarungen», und Gertrud die Grosse (1256­1302), Verfasserin des «Legatus divinae pietatis» («Gesandter der göttlichen Liebe») befinden. Mechthild von Magdeburg stirbt hier 1282.
Selbst wenn wir vermuten, dass Hildegard von Bingen, Dionysius Areopagita, Bonaventura in ihrem Werk Spuren hinterlassen haben und sie von Augustinus und Bernhard von Clairvaux geprägt worden ist, bedeutet dies für uns keine Beeinträchtigung ihrer Begabung und Künstlerschaft. Vielmehr zählen wir Mechthild von Magdeburg den grossen Gottsuchern und Kündern der Gottesliebe zu, die nach ihrer Anschauung das ganze Universum in Gang hält, diese unversiegliche, schöpferische Kraft, die dieses unaufhaltsame «Fliessen» und «Überfliessen» bewirkt.

 

Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe hauptsächlich des romanischen Kulturraumes.


Anmerkungen

1 Mechthild von Magdeburg, «Das fliessende Licht der Gottheit», eingeleitet von Margot Schmidt, Benziger Verlag, Einsiedeln 1955, S. 277.  

2 Ebd. S. 53.

3 Diese lateinische Fassung enthält bei seinem Tode 6 Bücher, ohne dass wir wissen, von wem die spätere lateinische Fassung mit 7 Büchern stammt. Das Werk soll in mittelniederdeutscher Sprache mit leicht hochdeutschem Einschlag geschrieben worden sein, doch ist uns nur eine alemannische Übertragung erhalten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998