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Leitartikel |
Mechthild ist 1207 oder 1210 in der Diözese Magdeburg als Kind wohlhabender,
adeliger Eltern geboren worden und hat sich offenbar eine gute höfische
Bildung angeeignet. Einerseits mag das Armutsideal der Franziskaner andererseits
aber auch ihr eigenes Streben nach Vollkommenheit und gelebter Nachfolge
Christi sie dazu bewogen haben, um 1230 das Elternhaus zu verlassen und
sich in einen Magdeburger Beginenhof zu begeben, wo sie während dreissig
Jahren ein strenges geistliches Leben gemäss den evangelischen Räten:
Glaube, Liebe, Hoffnung führt. Entsprechend dem damaligen Frömmigkeitsverständnis
unterwirft sie ihren Körper harten Bussübungen, um den Weg der
inneren Läuterung zu gehen und die Einformung des eigenen Willens in
den Willen Gottes zu erlangen. Mechthild erachtet es aber auch als ihren
Auftrag, aktiv am Leben und Geschehen der Kirche teilzunehmen. Wie viele
Beginen, deren Namensherkunft im übrigen unklar ist und die sich gegen
Ende des 12. Jh. vor allem in den Niederlanden, den angrenzenden rheinischen
Gebieten und Nordfrankreich gruppieren, betreibt sie eifrig Bibellektüre,
kümmert sich um arme Kinder, unterrichtet, steht kranken und alten
Menschen bei. Solchermassen übt sie ein tätiges Christentum. Daneben
pflegt sie Kontakt mit Mitgliedern des Dominikanerklosters von Halle, wo
ihr jüngerer Bruder Balduin ein Ordensstudium absolviert und eintritt.
Sie lässt sich von Ordensleuten dieses Klosters beraten und geniesst
wahrscheinlich auch ihren Schutz, was ihr sehr zustatten kommt, hält
sie doch mit ihrer Kritik an Geistlichen nicht zurück. So schreibt
sie an einer Stelle, dass Gott die Domherren Böcke nenne<1>,
und in der Vorrede ihres bedeutenden Werkes «Das fliessende Licht
der Gottheit» lesen wir: «Dieses Buch sende ich nun als Boten
allen geistlichen Leuten, die die Säulen der Kirche sind, den guten
wie den schlechten; denn, wenn die Säulen fallen, dann kann das Gebäude
nicht überdauern.» Sie verfügt über ein erstaunliches
Sendungsbewusstsein, sagt sie doch, dass dieses Buch allein von ihr künde
und ihr Geheimnis offenbare, um Gott zu verherrlichen, wobei alle, die es
verstehen wollen, es neunmal lesen sollen.<2>
Mechthild von Magdeburg schenkt uns eine unerschöpfliche Glaubens-
und Lebenslehre, da wir bei ihr eine Einheit des Denkens, Fühlens und
praktischen Lebensvollzugs feststellen. Wir erahnen ihre persönliche
Liebesbeziehung zu Gott, nehmen jedoch auch den Zusammenklang mit dem heilsgeschichtlich-kosmologischen
Geschehen wahr: Aufschwung und Niedersinken der Seele entsprechen dem Fliessen
der Gottheit. Es veranschaulicht Gottes überströmende Liebe, die
sich im Schöpfungswerk, ganz besonders in Christi Menschwerdung, aber
auch in seiner Höllenfahrt manifestiert. Trotz Kirchenkritik und Höllenvisionen
steht die göttliche Liebe als Ursprung und Ziel aller menschlichen
Liebe im Mittelpunkt. Wir erkennen die Dynamik einer Liebe, die sich nicht
nur im Aufstieg und in der mystischen Vereinigung mit dem Geliebten bewährt,
sondern auch im «Entsinken» aus Gehorsam gegen Gottes Willen.
Diese Dynamik der Bewegung, das Fliessende, Strömende von Licht, Feuer,
Wasser als Ausdruckskraft der göttlichen Liebesgaben ist fortwährend
spürbar, sowohl in der mit unseren Sinnen wahrnehmbaren Welt als im
Denken und in der allein dem suchenden Geist zugänglichen, übersinnlichen
Welt. Daher die Metaphorik von Wasser und Wein, höfischer Liebesbeziehung
von Braut und Bräutigam, die Bilder von Berg, Licht, Feuer, die beinahe
unerschöpflich anmuten. Als überzeitliche Metapher verwendet sie
in ihrer mystischen Sprache die Vision von Gott als «Berg»,
während sie an anderen Stellen den Bräutigam einen «giessenden»,
«fliessenden», «brennenden», «verschmelzenden»
Gott nennt. Häufig gehen mystischer Erfahrungsbericht und theologisch-ethische
Reflexion ineinander über. In kühnen Strichen entwirft sie mit
wunderschönen Bildern ihr Gottesbild, zeigt uns einen Gott und Schöpfer,
den sie ernst nimmt und dem sie existentielle Fragen stellt.
Zwischen 1250 und 1259 entstehen die Bücher IV, von 1260 bis 1270/71
Buch VI, wobei wir nicht wissen, wie gross der Einfluss ihres Beichtvaters
Heinrich von Halle war, der die Aufzeichnungen redigiert, möglicherweise
auch da und dort «korrigiert» und die Reihenfolge der Bücher
nach eigenem Gutdünken bestimmt. Allerdings bringt dieser Dominikaner
ihr Werk an die Öffentlichkeit und vergleicht Mechthild mit den Prophetinnen
Debora (Ri) und Olda (2 Kön), die beide vom Heiligen Geist über
die Geschicke Israels belehrt werden.<3>
Obwohl sie in Heinrich von Halle einen Verbündeten hat, erlebt sie
zwischen 1260 und 1270 Anfeindungen gegen ihre Person und ihr Werk. Es mag
damit und mit der zunehmend bedrohlichen Lage der Beginen zusammenhängen,
die mit ihrer Mobilität sie waren ja keiner Oberin unterstellt
, ihren mannigfaltigen Aktivitäten und vielleicht auch mit ihrer
Gelehrsamkeit vielen Geistlichen «ein Dorn im Auge» waren, dass
sie sich 1270 ins Kloster Helfta bei Eisleben zurückzieht, wo sich
zu der Zeit die beiden ebenfalls schreibenden Zisterzienserinnen: Mechthild
von Hackeborn (12411299), Autorin der «Visionen und Offenbarungen»,
und Gertrud die Grosse (12561302), Verfasserin des «Legatus divinae
pietatis» («Gesandter der göttlichen Liebe») befinden.
Mechthild von Magdeburg stirbt hier 1282.
Selbst wenn wir vermuten, dass Hildegard von Bingen, Dionysius Areopagita,
Bonaventura in ihrem Werk Spuren hinterlassen haben und sie von Augustinus
und Bernhard von Clairvaux geprägt worden ist, bedeutet dies für
uns keine Beeinträchtigung ihrer Begabung und Künstlerschaft.
Vielmehr zählen wir Mechthild von Magdeburg den grossen Gottsuchern
und Kündern der Gottesliebe zu, die nach ihrer Anschauung das ganze
Universum in Gang hält, diese unversiegliche, schöpferische Kraft,
die dieses unaufhaltsame «Fliessen» und «Überfliessen»
bewirkt.
Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe hauptsächlich des romanischen Kulturraumes.
1 Mechthild von Magdeburg, «Das fliessende Licht der Gottheit», eingeleitet von Margot Schmidt, Benziger Verlag, Einsiedeln 1955, S. 277.
2 Ebd. S. 53.
3 Diese lateinische Fassung enthält bei seinem Tode 6 Bücher, ohne dass wir wissen, von wem die spätere lateinische Fassung mit 7 Büchern stammt. Das Werk soll in mittelniederdeutscher Sprache mit leicht hochdeutschem Einschlag geschrieben worden sein, doch ist uns nur eine alemannische Übertragung erhalten.