SKZ 40/1998

INHALT

Leitartikel

Öffentliche Kirche

Zur Bedeutung von Öffentlichkeit für Kirche und Theologie äussert sich Edmund Arens

 

Die katholische Kirche bietet derzeit in der Öffentlichkeit nicht das beste Bild. Angesichts eines rauher werdenden Klimas wächst die Bereitschaft, sich zurückzuziehen und nach Überlebensnischen in einem zur Communio hochstilisierten und gegen Kritik abgeschotteten folkloristisch-fundamentalistischen Frömmigkeitsghetto zu suchen. Dabei ist der grossangelegte Versuch, die Kirche zu verheutigen und mit der modernen demokratischen Öffentlichkeit zu versöhnen, gesamtkirchlich gerade einmal 30 Jahre alt. Das Zweite Vatikanische Konzil steht für das Bemühen, die klerikale Kirche des antimodernen Katholizismus umzugestalten zu einem auch das Fussvolk in Bewegung bringenden Volk Gottes auf dem öffentlichen Weg in und mit der Welt von heute. Es ist interessanterweise der in innerkirchlichen Fragen eher vor- als nachkonziliare Papst Johannes Paul II., der im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen und Demokratisierungsprozesse von 1989 die Kirche als eine «Grossbewegung zur Verteidigung und zum Schutz der Würde des Menschen» (so in der Sozialenzyklika «Centesimus annus» 3,4) versteht. Würde dieser Gedanke wirklich ernst genommen, dann kann nach Ansicht des deutschen Theologen Hermann-Josef Grosse Kracht die weitere Entwicklung der kirchlichen Gesellschaftslehre nur in Richtung eines zivilgesellschaftlichen Politikverständnisses gehen. Dieses begreift die Kirche nach dem Modell der sozialen Bewegungen als eine in der Öffentlichkeit der zivilen Gesellschaft handelnde Teilnehmerin an sozialen Auseinandersetzungen und Verständigungsprozessen.
Grosse Kracht vertritt diese Auffassung in einer theologisch und kirchenpraktisch brisanten Untersuchung über «Kirche in ziviler Gesellschaft»<1>. Darin wird die Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit bisweilen mit feinem Strich, wo nötig auch mit kräftigem Pinsel nachgezeichnet mit Blick auf die Zumutungen der Neuzeit. Drei anschaulich aufgezeigte Etappen der katholischen Modernisierung werden beleuchtet. Sie reichen von der «absoluten Ablehnung» über eine «ambivalente Annäherung» bis zur «abstrakten Akzeptanz». In der jüngsten päpstlichen Sozialverkündigung lassen sich laut Grosse Kracht Ansatzpunkte für eine «moderne Demokratietheorie des kirchlichen Lehramtes» erkennen.
Der Autor sucht die Kirche jenseits ihrer traditionellen Demokratievorbehalte im Kontext einer zivilen Demokratie zu verorten. Dabei bezieht er sich vor allem auf die vieldiskutierten Theorien der Öffentlichkeit sowie der zivilgesellschaftlichen Demokratie, die der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas<2> entwickelt hat. Im Gespräch mit Habermas erfolgt eine politisch-theologisch ausgerichtete Positionsbestimmung von Kirche in ziviler Gesellschaft.
Grosse Kracht bietet zunächst einen prägnanten Einblick in die Zumutungen der Neuzeit an die Kirche. Als die wichtigsten erkennt er die Verweltlichung der Politik einerseits und die Rationalisierung der Öffentlichkeit andererseits. Wie die Kirche mit diesen, zuerst als ungeheuerlich zurückgewiesenen Zumutungen in mühsamen Schritten zurechtzukommen lernt, erzählt eine geradezu spannende Geschichte katholischer Modernisierung wider Willen.
Aufschlussreich ist auch der Durchgang durch die lehramtliche Staatslehre, als dessen Ergebnis Grosse Kracht einen Umbruch von einem staatsfixierten zu einem gesellschaftsbezogenen Politikverständnis feststellt. Für die katholische Staatslehre ergeben sich dabei drei entscheidende, bisher erst in Ansätzen angenommene Herausforderungen, nämlich ins Reine zu kommen erstens mit der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften, zweitens mit der kulturellen Pluralisierung und drittens mit der politischen Demokratisierung. Dies gelingt aus seiner Sicht am ehesten, wenn die kirchliche Sozialverkündigung und Praxis getragen wird von einer gesellschaftsvertrauenden Perspektive. Eine solche traut den Gesellschaftsmitgliedern zu, dass sie als verantwortliche Subjekte ihre Interessen vertreten, gegenseitig kritisieren und im demokratischen Diskurs zu einer tragfähigen Selbstverständigung gelangen.
Im Blick auf die Stellung der Kirche innerhalb einer zivilen Gesellschaft plädiert Grosse Kracht für eine öffentlichkeitsbezogene Position, die die Möglichkeit biete, sowohl die christlichen Inhalte und Optionen in die öffentlichen Debatten einzubringen als auch die Perspektive und Parteilichkeit des Evangeliums zur Geltung zu bringen. Ausschlaggebend für das Verhältnis der Kirche zur zivilgesellschaftlichen Demokratie sei indes, ob sie ihre Optionen über öffentliche oder nicht-öffentliche Interventionen vorbringt. Eine zivilgesellschaftsvertrauende Praxis erlaube der Kirche sowohl von einer autoritär-paternalistischen Partnerschaft mit dem Staat als auch von dessen zivilreligiöser Aufladung Abschied zu nehmen.
Die öffentlichen Aufgabenfelder der Kirche versteht und bezeichnet der Autor als solche einer «zivilgesellschaftlichen Diakonie». Vier Bereiche kommen zur Sprache. Auf organisatorisch-institutioneller Ebene könnten die Kirchen «zu einflussreichen Schutzmächten einer zivilgesellschaftlichen Verständigungspraxis werden». Auf der Ebene stellvertretenden Handelns könnten sie ihre Kompetenzen zur Stärkung und Erweiterung öffentlicher Kommunikationsflüsse einsetzen. Auf pädagogischer Ebene könnten sie sich als wichtige Sozialisationsagenturen einer zivilen Gesellschaft erweisen. Und im politisch-kulturellen Bereich könnten sie «relevante Themen aus ihrer eigenen Überlieferungstradition in den öffentlichen Diskurs einbringen und damit wesentliche Beiträge zur Vitalisierung der politisch-moralischen Grundlagen einer zivilen Demokratie leisten».
Grosse Krachts Studie stellt eindrücklich die Brisanz und Bedeutung der Themen zivile Gesellschaft und demokratische Öffentlichkeit für Kirche und Theologie heraus. Aufgrund ihres reichhaltigen Materials, ihrer klaren Argumentation und ihrer pointierten Option verdient es diese Arbeit, gründlich gelesen und gewürdigt zu werden. Sie liefert zugleich all denen argumentatives Kraftfutter, die sich gegen alle Widerstände und Rückschläge weiterhin für eine öffentliche, demokratische, gesellschaftlich wache und auf Verständigung nach aussen wie innen orientierte kommunikative Kirche einsetzen.

 

Dr. theol. Edmund Arens ist Professor für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


Anmerkungen

1 H.-J. Grosse Kracht, Kirche in ziviler Gesellschaft. Studien zur Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1997, 494 Seiten.

2 Vgl. dazu E. Arens (Hrsg.), Kommunikatives Handeln und christlicher Glaube. Ein theologischer Diskurs mit Jürgen Habermas, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1997.


Öffentliche Theologie ­ Theologie als öffentliche Aufgabe

Zu diesem Thema, auf dessen Dringlichkeit der vorliegende Leitartikel hinweist, führen die Lehrstühle für Fundamentaltheologie und Dogmatik der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern ein internationales Symposium durch. Es findet vom Freitag, den 23., bis Sonntag, den 25. Oktober 1998 in den Räumen der Hochschule statt. Als Referenten wirken Fachleute aus mehreren europäischen Ländern und den USA mit. Weitere Informationen und Anmeldung bei: Prof. Edmund Arens/Prof. Helmut Hoping, Kellerstrasse 10, 6005 Luzern.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998