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Leitartikel |
Die katholische Kirche bietet derzeit in der Öffentlichkeit nicht
das beste Bild. Angesichts eines rauher werdenden Klimas wächst die
Bereitschaft, sich zurückzuziehen und nach Überlebensnischen in
einem zur Communio hochstilisierten und gegen Kritik abgeschotteten folkloristisch-fundamentalistischen
Frömmigkeitsghetto zu suchen. Dabei ist der grossangelegte Versuch,
die Kirche zu verheutigen und mit der modernen demokratischen Öffentlichkeit
zu versöhnen, gesamtkirchlich gerade einmal 30 Jahre alt. Das Zweite
Vatikanische Konzil steht für das Bemühen, die klerikale Kirche
des antimodernen Katholizismus umzugestalten zu einem auch das Fussvolk
in Bewegung bringenden Volk Gottes auf dem öffentlichen Weg in und
mit der Welt von heute. Es ist interessanterweise der in innerkirchlichen
Fragen eher vor- als nachkonziliare Papst Johannes Paul II., der im Zuge
der gesellschaftlichen Umwälzungen und Demokratisierungsprozesse von
1989 die Kirche als eine «Grossbewegung zur Verteidigung und zum Schutz
der Würde des Menschen» (so in der Sozialenzyklika «Centesimus
annus» 3,4) versteht. Würde dieser Gedanke wirklich ernst genommen,
dann kann nach Ansicht des deutschen Theologen Hermann-Josef Grosse Kracht
die weitere Entwicklung der kirchlichen Gesellschaftslehre nur in Richtung
eines zivilgesellschaftlichen Politikverständnisses gehen. Dieses begreift
die Kirche nach dem Modell der sozialen Bewegungen als eine in der Öffentlichkeit
der zivilen Gesellschaft handelnde Teilnehmerin an sozialen Auseinandersetzungen
und Verständigungsprozessen.
Grosse Kracht vertritt diese Auffassung in einer theologisch und kirchenpraktisch
brisanten Untersuchung über «Kirche in ziviler Gesellschaft»<1>. Darin wird die Konfliktgeschichte von
katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit bisweilen mit
feinem Strich, wo nötig auch mit kräftigem Pinsel nachgezeichnet
mit Blick auf die Zumutungen der Neuzeit. Drei anschaulich aufgezeigte Etappen
der katholischen Modernisierung werden beleuchtet. Sie reichen von der «absoluten
Ablehnung» über eine «ambivalente Annäherung»
bis zur «abstrakten Akzeptanz». In der jüngsten päpstlichen
Sozialverkündigung lassen sich laut Grosse Kracht Ansatzpunkte für
eine «moderne Demokratietheorie des kirchlichen Lehramtes» erkennen.
Der Autor sucht die Kirche jenseits ihrer traditionellen Demokratievorbehalte
im Kontext einer zivilen Demokratie zu verorten. Dabei bezieht er sich vor
allem auf die vieldiskutierten Theorien der Öffentlichkeit sowie der
zivilgesellschaftlichen Demokratie, die der Frankfurter Philosoph Jürgen
Habermas<2> entwickelt hat. Im Gespräch
mit Habermas erfolgt eine politisch-theologisch ausgerichtete Positionsbestimmung
von Kirche in ziviler Gesellschaft.
Grosse Kracht bietet zunächst einen prägnanten Einblick in die
Zumutungen der Neuzeit an die Kirche. Als die wichtigsten erkennt er die
Verweltlichung der Politik einerseits und die Rationalisierung der Öffentlichkeit
andererseits. Wie die Kirche mit diesen, zuerst als ungeheuerlich zurückgewiesenen
Zumutungen in mühsamen Schritten zurechtzukommen lernt, erzählt
eine geradezu spannende Geschichte katholischer Modernisierung wider Willen.
Aufschlussreich ist auch der Durchgang durch die lehramtliche Staatslehre,
als dessen Ergebnis Grosse Kracht einen Umbruch von einem staatsfixierten
zu einem gesellschaftsbezogenen Politikverständnis feststellt. Für
die katholische Staatslehre ergeben sich dabei drei entscheidende, bisher
erst in Ansätzen angenommene Herausforderungen, nämlich ins Reine
zu kommen erstens mit der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften,
zweitens mit der kulturellen Pluralisierung und drittens mit der politischen
Demokratisierung. Dies gelingt aus seiner Sicht am ehesten, wenn die kirchliche
Sozialverkündigung und Praxis getragen wird von einer gesellschaftsvertrauenden
Perspektive. Eine solche traut den Gesellschaftsmitgliedern zu, dass sie
als verantwortliche Subjekte ihre Interessen vertreten, gegenseitig kritisieren
und im demokratischen Diskurs zu einer tragfähigen Selbstverständigung
gelangen.
Im Blick auf die Stellung der Kirche innerhalb einer zivilen Gesellschaft
plädiert Grosse Kracht für eine öffentlichkeitsbezogene Position,
die die Möglichkeit biete, sowohl die christlichen Inhalte und Optionen
in die öffentlichen Debatten einzubringen als auch die Perspektive
und Parteilichkeit des Evangeliums zur Geltung zu bringen. Ausschlaggebend
für das Verhältnis der Kirche zur zivilgesellschaftlichen Demokratie
sei indes, ob sie ihre Optionen über öffentliche oder nicht-öffentliche
Interventionen vorbringt. Eine zivilgesellschaftsvertrauende Praxis erlaube
der Kirche sowohl von einer autoritär-paternalistischen Partnerschaft
mit dem Staat als auch von dessen zivilreligiöser Aufladung Abschied
zu nehmen.
Die öffentlichen Aufgabenfelder der Kirche versteht und bezeichnet
der Autor als solche einer «zivilgesellschaftlichen Diakonie».
Vier Bereiche kommen zur Sprache. Auf organisatorisch-institutioneller Ebene
könnten die Kirchen «zu einflussreichen Schutzmächten einer
zivilgesellschaftlichen Verständigungspraxis werden». Auf der
Ebene stellvertretenden Handelns könnten sie ihre Kompetenzen zur Stärkung
und Erweiterung öffentlicher Kommunikationsflüsse einsetzen. Auf
pädagogischer Ebene könnten sie sich als wichtige Sozialisationsagenturen
einer zivilen Gesellschaft erweisen. Und im politisch-kulturellen Bereich
könnten sie «relevante Themen aus ihrer eigenen Überlieferungstradition
in den öffentlichen Diskurs einbringen und damit wesentliche Beiträge
zur Vitalisierung der politisch-moralischen Grundlagen einer zivilen Demokratie
leisten».
Grosse Krachts Studie stellt eindrücklich die Brisanz und Bedeutung
der Themen zivile Gesellschaft und demokratische Öffentlichkeit für
Kirche und Theologie heraus. Aufgrund ihres reichhaltigen Materials, ihrer
klaren Argumentation und ihrer pointierten Option verdient es diese Arbeit,
gründlich gelesen und gewürdigt zu werden. Sie liefert zugleich
all denen argumentatives Kraftfutter, die sich gegen alle Widerstände
und Rückschläge weiterhin für eine öffentliche, demokratische,
gesellschaftlich wache und auf Verständigung nach aussen wie innen
orientierte kommunikative Kirche einsetzen.
Dr. theol. Edmund Arens ist Professor für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.
1 H.-J. Grosse Kracht, Kirche in ziviler Gesellschaft. Studien zur Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1997, 494 Seiten.
2 Vgl. dazu E. Arens (Hrsg.), Kommunikatives Handeln und christlicher Glaube. Ein theologischer Diskurs mit Jürgen Habermas, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1997.
Zu diesem Thema, auf dessen Dringlichkeit der vorliegende Leitartikel hinweist, führen die Lehrstühle für Fundamentaltheologie und Dogmatik der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern ein internationales Symposium durch. Es findet vom Freitag, den 23., bis Sonntag, den 25. Oktober 1998 in den Räumen der Hochschule statt. Als Referenten wirken Fachleute aus mehreren europäischen Ländern und den USA mit. Weitere Informationen und Anmeldung bei: Prof. Edmund Arens/Prof. Helmut Hoping, Kellerstrasse 10, 6005 Luzern.