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Im Gespräch |
In zwei Beiträgen mit dem Titel «Gemeindeleitung, Eucharistie
und Priesteramt» hat Dogmatik-Professor Helmut Hoping vor einem Jahr
in diesem Organ zu meinem Buch «Worauf es ankommt. Wollte Jesus eine
Zweiständekirche?» Stellung bezogen (SKZ 165 [1997] 682686,
699704). Mehrfach hat Herr Hoping mich in der Zwischenzeit um eine
Antwort auf seine Einwände gebeten. Obwohl ein Eingehen auf einzelne
Stellungnahmen in der Regel das Vermögen eines (obendrein betagten)
Autors übersteigt, entspreche ich der Bitte eines Lehrstuhlinhabers
der Hochschule, an der ich selber viele Jahre tätig war, in dankbarer
Verbundenheit. Freilich musste ich das Vorhaben leider wegen bereits bestehender
Terminpflichten und gesundheitlicher Probleme länger aufschieben, als
mir lieb war.
Allgemein bekannt ist die himmelschreiende pastorale Not, die durch den
ständig wachsenden Priestermangel bedingt ist und die neben anderen
negativen Erscheinungen den Gemeinden den weitgehenden Verzicht auf
die Eucharistiefeier abverlangt. Bekannt ist weiter, dass alles, was die
Amtskirche bisher zur Überwindung der misslichen Situation unternahm,
nichts erbrachte. Und wer sich von den Heilmitteln, die die Bischöfe
für die Zukunft in Aussicht stellen (z.B. leichterer Zugang zum Priesteramt)
etwas erwarten würde, müsste sich den Spott zuziehen, ein wirklichkeitsferner
Illusionär zu sein. In ihrem Brief an die Gläubigen vom Februar
1998 insistieren die Schweizer Bischöfe auf dem «Gebet um kirchliche
Berufe, insbesondere um Priester- und Ordensberufe». Man kann ihr
Vertrauen auf die Kraft des Gebetes nur bewundern. Aber auch wer daran glaubt,
wird nicht erwarten, es werde eine katastrophale Kirchenkrise wenden<1>. Die Bischöfe deuten denn auch selbst
an, dass die Gründe des Priestermangels letztlich am System liegen.
Was not tut, ist nicht, wie Hoping meint, eine «Reform des kirchlichen
Weiheamtes» (682), sondern eine Reform der Kirchenverfassung. Deren
bisherige hierarchische Struktur steht vor ihrem Ende.
Der einfachste Weg, die eucharistische Not zu beheben, wäre deshalb
in meinen Augen, dass als Voraussetzung, der Eucharistie vorzustehen, nicht
eine empfangene Weihe, sondern ein kirchlicher Auftrag gelten müsste.
Ein solcher kann einem Mann oder einer Frau, ob verheiratet oder unverheiratet,
erteilt werden. Er ist ipso facto erteilt, wenn ein Mann oder eine Frau
mit der Gemeindeleitung betraut wird.
Ich brauche die Argumente, die ich im erwähnten Buch ausführlich
darstelle, hier nicht zu wiederholen. Ich stütze mich auf die einschlägigen
biblischen und historischen Zeugnisse<2>.
Die Evangelien lassen in aller Deutlichkeit erkennen, dass Jesus nie an
eine Fortsetzung des jüdischen Priestertums in seiner Jüngerschaft
dachte. Wer das kirchliche Priestertum retten will, muss mehrere Schriften
aus dem Neuen Testament herausstreichen, vor allem den Hebräerbrief.
Für diesen ist Jesus endgültig der letzte Priester. Nach ihm kann
es kein Priestertum mehr geben.
Ebenso zeigt ein Blick in die Geschichte der Frühkirche, dass mindestens
zweihundert Jahre lang Laien, auch Frauen, der Eucharistie vorstanden. Mit
dem 3. Jahrhundert kommt die Vorstellung auf, es bedürfe für die
Feier der Liturgie einer Weihe. Diese haftet jedoch nicht der Person, sondern
dem Amt an und erlischt mit der Aufgabe des Amtes. Seit dem 5. Jahrhundert
erfordert die Feier der Eucharistie die Mitwirkung eines sakramental geweihten
Priesters. Zugleich bahnt sich die Vorstellung an, die Priesterweihe präge
ihrem Empfänger ein unauslöschliches Merkmal auf. Diese von der
mittelalterlichen Theologie weiter entwickelte Doktrin wurde vom Konzil
von Trient im 16. Jahrhundert zur verbindlichen Glaubenslehre erhoben.
Hopings Einwände beruhen auf zwei Prämissen:
Von der «sakramentalen Struktur» der Kirche sprechen zwar
Bischöfe und Dogmatiker unablässig, ohne dass freilich je deutlich
würde, worin diese besteht und wie sie sich biblisch begründen
lässt. Man beruft sich auf die «Lehre der Kirche», päpstliche
Erlasse und vor allem auf das kirchliche Gesetzbuch (CIC). Dieses ist für
Hoping eine theologische Instanz erster Ordnung, die zum Beispiel gegen
die Ernennung von Laien als Gemeindeleiter spricht (siehe besonders 684).
Zwar müssen bis zur Veränderung der Zulassungsbedingungen zum
sakramentalen Amt Zwischen- und Übergangsregelungen gefunden werden,
diese müssen jedoch «dogmatisch, kirchenrechtlich, pastoraltheologisch
und auch (!) menschlich verantwortbar» sein (685).<3>
Ob sie biblisch verantwortbar sind, danach wird nicht gefragt. Statt zu
schismatisierender Selbsthilfe zu greifen, sind die Pastoralassistent(inn)en
«sakramental» zu ordinieren, ansonsten es «zu einer weiteren,
schon jetzt besorgniserregenden Verflüchtigung der sakramentalen Struktur
der Kirche» käme (685). Wie leicht verletzlich ist doch dieses
diamantene Gerüst der Kirche!
Worin dieses besteht, wissen wir freilich noch immer nicht, und das Begreifen
wird immer schwieriger. Denn sicher ist alles, was die Kirche tut, sakramental.
Ihre Verkündigung ist sakramental, ihre Unterweisung ist sakramental,
ihr Gebet und ihre Segnung sind sakramental, ihr Liebeswerk ist sakramental.
Kein Wunder, dass es für Augustinus, wie er wörtlich sagt, «Hunderte
von Sakramenten» gab. Die spätere Theologie hat deren Zahl reduziert,
das Konzil von Trient hat sich, im Anschluss an die Früh- und Hochscholastik
auf sieben festgelegt (heute auch katholischerseits nicht alle unbestritten),
die Reformation hat sie auf zwei reduziert.
Es ist mit Händen zu greifen, dass eine Lehre, die von Jahrhundert
zu Jahrhundert ein anderes Gesicht annahm, weniger ein Kind göttlicher
Offenbarung als menschlicher Beflissenheit und auch Willkür ist. Soll
wirklich das 16. Jahrhundert heute und für immer das Antlitz unserer
Kirche prägen und nach ungezählten Wandlungen jeden weiteren Wandel
verbieten? Woher leitet ein Bischof das Recht ab, unter Berufung auf die
«sakramentale Struktur der Kirche» gewisse Funktionen denen
vorzubehalten, die er «sakramental geweiht» hat? Die Antwort
liegt nahe: Nachdem das Bischofsamt einmal aufgekommen war, musste es sich
profilieren, und was hätte sich dafür besser geeignet als die
Weiheideologie, so unbiblisch sie auch sein mag.
Dieser Theologie des 16. Jahrhunderts bleibt Hoping konsequent treu,
wenn er die Jüngerschaft Jesu erbarmungslos in zwei Klassen teilt:
Geweihte und Ungeweihte. Die Geweihten können um es brutal zu
sagen alles, die Ungeweihten nichts. Zwar wurde Hopings Beitrag noch
vor dem Erscheinen des berüchtigten römischen «Laienpapiers»
vom November 1997 geschrieben. Es atmet jedoch schon voll und ganz dessen
Geist, ohne dass damit von einem «vorauseilenden Gehorsam» die
Rede sein soll. «Nach der Lehre der Kirche (setzt) der Vorsitz in
der Eucharistiefeier eine entsprechende Ordination voraus» (683).
Nun kann man zwar unter «Ordination» Verschiedenes verstehen,
denn auch die reformatorischen Kirchen kennen sie. Sie hat jedoch dort nichts
mit sakramentaler Priesterweihe zu tun und begründet keinen vom Kirchenvolk
abgehobenen Stand. Auch der Pastor, die Pastorin bleiben nach katholischer
Terminologie «Laien». Um so erstaunlicher ist, dass Hoping
dem von ihnen geleiteten Abendmahl nicht eo ipso die «Gültigkeit»
abspricht. Wenn er diese aber für eine von einem (Laien-)Gemeindeleiter
präsidierte Eucharistie verneint, so kann der Widerspruch seinen Grund
nicht in den Tiefen der Theologie haben, sondern nur und einmal mehr im
Kirchenrecht.
Dass für Hoping Ordination die «sakramentale Priesterweihe»
bedeutet, gibt er durchlaufend zu verstehen. Er konzediert, dass für
die Beauftragung eines Pastoralassistenten oder einer Assistentin von «Ordination»
gesprochen werden könnte. Diese hätte jedoch nicht den Charakter
einer «sakramentalen Ordination», die zur Feier der Sakramente
und zum Vorsitz in der Eucharistie bevollmächtige (683). «Sakramentale
Ordination» ist das Schlüsselwort der ganzen Argumentation Hopings.
Meiner Ablehnung dieses sakramentalen neutestamentlichen Priestertums begegnet
er mit dem bekannten Verweis, eine kirchliche Lehre oder Institution sei
nicht deshalb schon schriftwidrig, weil das Neue Testament sie nicht kenne.
Daran ist etwas Richtiges und etwas Falsches. Es gibt Einrichtungen, die
legitim sind, weil sie sich organisch aus den Voraussetzungen der Schrift
entwickelt haben (z.B. die Kindertaufe). Sie sind aber illegitim, wenn sie
dem Geist des Evangeliums krass widersprechen.
Zwar distanziert sich Hoping von der Mystifizierung des Priesterbildes,
wie es noch in meiner Jugend im Schwang war, entfaltet dann aber mit um
so grösserer Rhetorik die Priestervorstellung der mittelalterlichen
und nachtridentinischen Dogmatik. Die Funktion des Priesters «im besonderen
besteht drin, bei der Feier der Sakramente, vor allem der Feier der Eucharistie,
auf das extra nos des Heils dadurch zu verweisen, dass er Christus repräsentiert.
Da Christus das Haupt der Kirche ist, spricht die Tradition (!) davon, dass
der Priester in persona Christi Capitis handelt» (703). Ich kann auf
Hopings Vorstellungen vom sühnenden Opfertod Jesu, der durch «das
Opfer der Eucharistie» vergegenwärtigt wird (703; Verweis auf
2. Vatikanum und Kirchenrecht 1983) hier aus Raumgründen nicht eingehen
(vgl. dazu meine Äusserungen in den Kapiteln «Wovon hat uns Jesus
erlöst?» und «Wozu starb Jesus am Kreuz? Wie verstand er
seinen Tod?» in meinem Buch «Den Christen die Freiheit»
1995). Leider sieht Hoping von den Ergebnissen der neueren bibeltheologischen
Forschung zu diesen Fragestellungen völlig ab (auf welche auch jeder
Hinweis fehlt).
Nur Hopings seltsames Eucharistieverständnis macht denn auch begreifbar,
wie er über die «Gültigkeit» bzw. «Ungültigkeit»
des Herrenmahles diskutieren kann. Kann das Freundesmahl (eine Sicht, die
Hoping «erschreckend» findet), zu dem Jesus seine Jünger
und Jüngerinnen wie zu seinen irdischen Lebzeiten einlädt, «gültig»
oder «ungültig» sein? Diese Frage kann nur stellen, wer
sich statt vom Evangelium vom Codex Iuris Canonici vereinnahmen lässt.
Für mich umgekehrt ist es erschreckend, wenn Hoping (684) die Eucharistie
zweckentfremdend zum «Sakrament der kirchlichen Einheit» deklariert,
wo es doch einzig darum geht, Gottes Liebe, die uns in Jesu Leben und Sterben
nahegekommen ist, zu feiern und zu vermitteln. Die Eucharistie ist nicht
das Mittel der kirchlichen Selbstdarstellung. Hier hilft auch kein Verweis
auf Thomas von Aquin.
Insgesamt ist Hopings Theologie eine Theologie des 16. Jahrhunderts. Dass
die Studierenden der um ihre Existenz bangenden Theologischen Fakultät
der «Universitären Hochschule Luzern» in dieser Theologie
ausgebildet werden sollen, erfüllt mich mit Besorgnis.
Wir haben uns auseinandergesetzt, um uns, wie es unter Kollegen guter Brauch
ist, hernach wieder zusammenzusetzen. So werden auch Herr Hoping und ich
es halten. Ob er die Diskussion in diesem Organ weiterführen will,
muss ich ihm anheimgeben. Aus den eingangs angedeuteten Gründen werde
ich leider nicht in der Lage sein, dies zu tun.
Auch Herr Hoping will die Diskussion in diesem Organ nicht weiterführen. Nachdem er mit Herrn Haag zwei gute persönliche Gespräche führen konnte, ist er über den vorliegenden Gesprächsbeitrag enttäuscht; auf eine Entgegnung verzichtet er, weil er sich nicht auf dieses Niveau begeben will. Dazu passt im übrigen auch der unangebrachte kombinierte Seitenhieb gegen Herrn Hoping und die Theologische Fakultät.
1 Mir kommt dabei immer die bekannte Geschichte vom Pfarrer und vom Mesner in den Sinn. Der Pfarrer betritt die Sakristei und erklärt: «Mesner, wir müssen um Regen beten.» Darauf der Mesner: «Beten nützt nichts, Herr Pfarrer. Der Oberwind muss gehen.» So dürfte auch das Gebet um Priesternachwuchs wenig fruchten, solange der richtige «Oberwind» nicht weht.
2 Ich stelle also keine «Thesen» auf, wie Hoping (im Gefolge von Kurt Koch) immer wieder meint, sondern nenne lediglich Fakten.
3 Einmal mehr kommt das Dogma vor dem Menschen.