SKZ 37/1998

INHALT

Im Gespräch

Weiterhin Kirche des 16. Jahrhunderts

Ein Gespräch mit Helmut Hoping von Herbert Haag

 

In zwei Beiträgen mit dem Titel «Gemeindeleitung, Eucharistie und Priesteramt» hat Dogmatik-Professor Helmut Hoping vor einem Jahr in diesem Organ zu meinem Buch «Worauf es ankommt. Wollte Jesus eine Zweiständekirche?» Stellung bezogen (SKZ 165 [1997] 682­686, 699­704). Mehrfach hat Herr Hoping mich in der Zwischenzeit um eine Antwort auf seine Einwände gebeten. Obwohl ein Eingehen auf einzelne Stellungnahmen in der Regel das Vermögen eines (obendrein betagten) Autors übersteigt, entspreche ich der Bitte eines Lehrstuhlinhabers der Hochschule, an der ich selber viele Jahre tätig war, in dankbarer Verbundenheit. Freilich musste ich das Vorhaben leider wegen bereits bestehender Terminpflichten und gesundheitlicher Probleme länger aufschieben, als mir lieb war.
Allgemein bekannt ist die himmelschreiende pastorale Not, die durch den ständig wachsenden Priestermangel bedingt ist und die ­ neben anderen negativen Erscheinungen ­ den Gemeinden den weitgehenden Verzicht auf die Eucharistiefeier abverlangt. Bekannt ist weiter, dass alles, was die Amtskirche bisher zur Überwindung der misslichen Situation unternahm, nichts erbrachte. Und wer sich von den Heilmitteln, die die Bischöfe für die Zukunft in Aussicht stellen (z.B. leichterer Zugang zum Priesteramt) etwas erwarten würde, müsste sich den Spott zuziehen, ein wirklichkeitsferner Illusionär zu sein. In ihrem Brief an die Gläubigen vom Februar 1998 insistieren die Schweizer Bischöfe auf dem «Gebet um kirchliche Berufe, insbesondere um Priester- und Ordensberufe». Man kann ihr Vertrauen auf die Kraft des Gebetes nur bewundern. Aber auch wer daran glaubt, wird nicht erwarten, es werde eine katastrophale Kirchenkrise wenden<1>. Die Bischöfe deuten denn auch selbst an, dass die Gründe des Priestermangels letztlich am System liegen. Was not tut, ist nicht, wie Hoping meint, eine «Reform des kirchlichen Weiheamtes» (682), sondern eine Reform der Kirchenverfassung. Deren bisherige hierarchische Struktur steht vor ihrem Ende.

Auftrag statt Weihe

Der einfachste Weg, die eucharistische Not zu beheben, wäre deshalb in meinen Augen, dass als Voraussetzung, der Eucharistie vorzustehen, nicht eine empfangene Weihe, sondern ein kirchlicher Auftrag gelten müsste. Ein solcher kann einem Mann oder einer Frau, ob verheiratet oder unverheiratet, erteilt werden. Er ist ipso facto erteilt, wenn ein Mann oder eine Frau mit der Gemeindeleitung betraut wird.
Ich brauche die Argumente, die ich im erwähnten Buch ausführlich darstelle, hier nicht zu wiederholen. Ich stütze mich auf die einschlägigen biblischen und historischen Zeugnisse<2>. Die Evangelien lassen in aller Deutlichkeit erkennen, dass Jesus nie an eine Fortsetzung des jüdischen Priestertums in seiner Jüngerschaft dachte. Wer das kirchliche Priestertum retten will, muss mehrere Schriften aus dem Neuen Testament herausstreichen, vor allem den Hebräerbrief. Für diesen ist Jesus endgültig der letzte Priester. Nach ihm kann es kein Priestertum mehr geben.
Ebenso zeigt ein Blick in die Geschichte der Frühkirche, dass mindestens zweihundert Jahre lang Laien, auch Frauen, der Eucharistie vorstanden. Mit dem 3. Jahrhundert kommt die Vorstellung auf, es bedürfe für die Feier der Liturgie einer Weihe. Diese haftet jedoch nicht der Person, sondern dem Amt an und erlischt mit der Aufgabe des Amtes. Seit dem 5. Jahrhundert erfordert die Feier der Eucharistie die Mitwirkung eines sakramental geweihten Priesters. Zugleich bahnt sich die Vorstellung an, die Priesterweihe präge ihrem Empfänger ein unauslöschliches Merkmal auf. Diese von der mittelalterlichen Theologie weiter entwickelte Doktrin wurde vom Konzil von Trient im 16. Jahrhundert zur verbindlichen Glaubenslehre erhoben.

Hopings Einwände beruhen auf zwei Prämissen:

  1. Die Kirche ist sakramental strukturiert. Diese Sakramentalität wird durch die von mir geforderte Bevollmächtigung von «Laien» in Frage gestellt.
  2. Es gibt eine unüberbrückbare Kluft zwischen «Geweihten» und «Nicht-Geweihten». Gewisse Verrichtungen in der Kirche, wie der Vollzug der Eucharistie, bleiben unabdingbar den «Geweihten» vorbehalten.

«Sakramentale Struktur» der Kirche

Von der «sakramentalen Struktur» der Kirche sprechen zwar Bischöfe und Dogmatiker unablässig, ohne dass freilich je deutlich würde, worin diese besteht und wie sie sich biblisch begründen lässt. Man beruft sich auf die «Lehre der Kirche», päpstliche Erlasse und vor allem auf das kirchliche Gesetzbuch (CIC). Dieses ist für Hoping eine theologische Instanz erster Ordnung, die zum Beispiel gegen die Ernennung von Laien als Gemeindeleiter spricht (siehe besonders 684). Zwar müssen bis zur Veränderung der Zulassungsbedingungen zum sakramentalen Amt Zwischen- und Übergangsregelungen gefunden werden, diese müssen jedoch «dogmatisch, kirchenrechtlich, pastoraltheologisch und auch (!) menschlich verantwortbar» sein (685).<3> Ob sie biblisch verantwortbar sind, danach wird nicht gefragt. Statt zu schismatisierender Selbsthilfe zu greifen, sind die Pastoralassistent(inn)en «sakramental» zu ordinieren, ansonsten es «zu einer weiteren, schon jetzt besorgniserregenden Verflüchtigung der sakramentalen Struktur der Kirche» käme (685). Wie leicht verletzlich ist doch dieses diamantene Gerüst der Kirche!
Worin dieses besteht, wissen wir freilich noch immer nicht, und das Begreifen wird immer schwieriger. Denn sicher ist alles, was die Kirche tut, sakramental. Ihre Verkündigung ist sakramental, ihre Unterweisung ist sakramental, ihr Gebet und ihre Segnung sind sakramental, ihr Liebeswerk ist sakramental. Kein Wunder, dass es für Augustinus, wie er wörtlich sagt, «Hunderte von Sakramenten» gab. Die spätere Theologie hat deren Zahl reduziert, das Konzil von Trient hat sich, im Anschluss an die Früh- und Hochscholastik auf sieben festgelegt (heute auch katholischerseits nicht alle unbestritten), die Reformation hat sie auf zwei reduziert.
Es ist mit Händen zu greifen, dass eine Lehre, die von Jahrhundert zu Jahrhundert ein anderes Gesicht annahm, weniger ein Kind göttlicher Offenbarung als menschlicher Beflissenheit und auch Willkür ist. Soll wirklich das 16. Jahrhundert heute und für immer das Antlitz unserer Kirche prägen und nach ungezählten Wandlungen jeden weiteren Wandel verbieten? Woher leitet ein Bischof das Recht ab, unter Berufung auf die «sakramentale Struktur der Kirche» gewisse Funktionen denen vorzubehalten, die er «sakramental geweiht» hat? Die Antwort liegt nahe: Nachdem das Bischofsamt einmal aufgekommen war, musste es sich profilieren, und was hätte sich dafür besser geeignet als die Weiheideologie, so unbiblisch sie auch sein mag.

Ordination

Dieser Theologie des 16. Jahrhunderts bleibt Hoping konsequent treu, wenn er die Jüngerschaft Jesu erbarmungslos in zwei Klassen teilt: Geweihte und Ungeweihte. Die Geweihten können ­ um es brutal zu sagen ­ alles, die Ungeweihten nichts. Zwar wurde Hopings Beitrag noch vor dem Erscheinen des berüchtigten römischen «Laienpapiers» vom November 1997 geschrieben. Es atmet jedoch schon voll und ganz dessen Geist, ohne dass damit von einem «vorauseilenden Gehorsam» die Rede sein soll. «Nach der Lehre der Kirche (setzt) der Vorsitz in der Eucharistiefeier eine entsprechende Ordination voraus» (683). Nun kann man zwar unter «Ordination» Verschiedenes verstehen, denn auch die reformatorischen Kirchen kennen sie. Sie hat jedoch dort nichts mit sakramentaler Priesterweihe zu tun und begründet keinen vom Kirchenvolk abgehobenen Stand. Auch der Pastor, die Pastorin bleiben ­ nach katholischer Terminologie ­ «Laien». Um so erstaunlicher ist, dass Hoping dem von ihnen geleiteten Abendmahl nicht eo ipso die «Gültigkeit» abspricht. Wenn er diese aber für eine von einem (Laien-)Gemeindeleiter präsidierte Eucharistie verneint, so kann der Widerspruch seinen Grund nicht in den Tiefen der Theologie haben, sondern nur und einmal mehr im Kirchenrecht.
Dass für Hoping Ordination die «sakramentale Priesterweihe» bedeutet, gibt er durchlaufend zu verstehen. Er konzediert, dass für die Beauftragung eines Pastoralassistenten oder einer Assistentin von «Ordination» gesprochen werden könnte. Diese hätte jedoch nicht den Charakter einer «sakramentalen Ordination», die zur Feier der Sakramente und zum Vorsitz in der Eucharistie bevollmächtige (683). «Sakramentale Ordination» ist das Schlüsselwort der ganzen Argumentation Hopings. Meiner Ablehnung dieses sakramentalen neutestamentlichen Priestertums begegnet er mit dem bekannten Verweis, eine kirchliche Lehre oder Institution sei nicht deshalb schon schriftwidrig, weil das Neue Testament sie nicht kenne. Daran ist etwas Richtiges und etwas Falsches. Es gibt Einrichtungen, die legitim sind, weil sie sich organisch aus den Voraussetzungen der Schrift entwickelt haben (z.B. die Kindertaufe). Sie sind aber illegitim, wenn sie dem Geist des Evangeliums krass widersprechen.

Eine Theologie des 16. Jahrhunderts

Zwar distanziert sich Hoping von der Mystifizierung des Priesterbildes, wie es noch in meiner Jugend im Schwang war, entfaltet dann aber mit um so grösserer Rhetorik die Priestervorstellung der mittelalterlichen und nachtridentinischen Dogmatik. Die Funktion des Priesters «im besonderen besteht drin, bei der Feier der Sakramente, vor allem der Feier der Eucharistie, auf das extra nos des Heils dadurch zu verweisen, dass er Christus repräsentiert. Da Christus das Haupt der Kirche ist, spricht die Tradition (!) davon, dass der Priester in persona Christi Capitis handelt» (703). Ich kann auf Hopings Vorstellungen vom sühnenden Opfertod Jesu, der durch «das Opfer der Eucharistie» vergegenwärtigt wird (703; Verweis auf 2. Vatikanum und Kirchenrecht 1983) hier aus Raumgründen nicht eingehen (vgl. dazu meine Äusserungen in den Kapiteln «Wovon hat uns Jesus erlöst?» und «Wozu starb Jesus am Kreuz? Wie verstand er seinen Tod?» in meinem Buch «Den Christen die Freiheit» 1995). Leider sieht Hoping von den Ergebnissen der neueren bibeltheologischen Forschung zu diesen Fragestellungen völlig ab (auf welche auch jeder Hinweis fehlt).
Nur Hopings seltsames Eucharistieverständnis macht denn auch begreifbar, wie er über die «Gültigkeit» bzw. «Ungültigkeit» des Herrenmahles diskutieren kann. Kann das Freundesmahl (eine Sicht, die Hoping «erschreckend» findet), zu dem Jesus seine Jünger und Jüngerinnen wie zu seinen irdischen Lebzeiten einlädt, «gültig» oder «ungültig» sein? Diese Frage kann nur stellen, wer sich statt vom Evangelium vom Codex Iuris Canonici vereinnahmen lässt. Für mich umgekehrt ist es erschreckend, wenn Hoping (684) die Eucharistie zweckentfremdend zum «Sakrament der kirchlichen Einheit» deklariert, wo es doch einzig darum geht, Gottes Liebe, die uns in Jesu Leben und Sterben nahegekommen ist, zu feiern und zu vermitteln. Die Eucharistie ist nicht das Mittel der kirchlichen Selbstdarstellung. Hier hilft auch kein Verweis auf Thomas von Aquin.
Insgesamt ist Hopings Theologie eine Theologie des 16. Jahrhunderts. Dass die Studierenden der um ihre Existenz bangenden Theologischen Fakultät der «Universitären Hochschule Luzern» in dieser Theologie ausgebildet werden sollen, erfüllt mich mit Besorgnis.
Wir haben uns auseinandergesetzt, um uns, wie es unter Kollegen guter Brauch ist, hernach wieder zusammenzusetzen. So werden auch Herr Hoping und ich es halten. Ob er die Diskussion in diesem Organ weiterführen will, muss ich ihm anheimgeben. Aus den eingangs angedeuteten Gründen werde ich leider nicht in der Lage sein, dies zu tun.

 

Auch Herr Hoping will die Diskussion in diesem Organ nicht weiterführen. Nachdem er mit Herrn Haag zwei gute persönliche Gespräche führen konnte, ist er über den vorliegenden Gesprächsbeitrag enttäuscht; auf eine Entgegnung verzichtet er, weil er sich nicht auf dieses Niveau begeben will. Dazu passt im übrigen auch der unangebrachte kombinierte Seitenhieb gegen Herrn Hoping und die Theologische Fakultät.

Redaktion


Anmerkungen

1 Mir kommt dabei immer die bekannte Geschichte vom Pfarrer und vom Mesner in den Sinn. Der Pfarrer betritt die Sakristei und erklärt: «Mesner, wir müssen um Regen beten.» Darauf der Mesner: «Beten nützt nichts, Herr Pfarrer. Der Oberwind muss gehen.» So dürfte auch das Gebet um Priesternachwuchs wenig fruchten, solange der richtige «Oberwind» nicht weht.

2 Ich stelle also keine «Thesen» auf, wie Hoping (im Gefolge von Kurt Koch) immer wieder meint, sondern nenne lediglich Fakten.

3 Einmal mehr kommt das Dogma vor dem Menschen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998