SKZ 7/1998

INHALT

Neue Bücher

Neueste Kirchengeschichte

Die von Ulrich Gäbler, Gert Haendler und Joachim Rogge herausgegebene Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen führt bis an die Gegenwart heran, wobei die Epoche «Neueste Kirchengeschichte» von der Epoche «Neuzeit» unterschieden, aber nicht als «Kirchliche Zeitgeschichte» bezeichnet wird. Der erste in dieser Abteilung erschienene Band behandelt die römisch-katholische Kirche vom Zweiten Vatikanischen Konzil, eigentlich von Papst Johannes XXIII., bis (fast) zur Gegenwart.<1>
Der evangelische Verfasser erweist sich als äusserst informiert und sachkundig und in seinem Urteil zurückhaltend und um Ausgewogenheit bemüht. Im Mittelpunkt der Geschichte der römisch-katholischen Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht für ihn das Zweite Vatikanische Konzil. Dementsprechend baut er seine Darstellung auf.
1. Der Aufbruch zum Konzil (mit Johannes XXIII.);
2. Das Zweite Vatikanische Konzil (mit Paul VI.);
3. In der Spannung der Erneuerung (mit Paul VI. und den Anfängen der bleibenden Polarisierungen);
4. Zwischen Konzil und «Restauration» (mit Johannes Paul I. und Johannes Paul II.);
5. Die römisch-katholische Kirche als Weltkirche (die Ortskirchen in den verschiedenen Regionen der Erde);
6. Aspekte von Frömmigkeit, Glauben und Leben im Zeichen des Konzils (hier werden exemplarisch dargestellt die Entwicklung der Sozialgestalt des Römisch-Katholischen [des Katholizismus], des Ordenswesens, der neuen geistlichen Gemeinschaften und der Heiligen-, insbesondere der Marienverehrung).
Dem Aufriss entsprechend behandelt er im 4. Kapitel die Entwicklung der Theologie vor allem unter dem Aspekt der Auseinandersetzung zwischen Theologie und Lehramt. Dabei merkt er zu Recht an, dass sich Konflikte schon in Europa und erst recht in Lateinamerika nur unter Vorbehalten personalisieren lassen; da sie aber doch mit Personen ausgetragen werden, vernachlässigt seine Darstellung Entwicklungen, die von seiten des Lehramtes keinen Einspruch erfahren haben und in dieser Hinsicht konfliktfrei verlaufen (sind).
Ähnlich wäre eine breitere Darstellung der Auseinandersetzungen einzelner Ortskirchen mit Rom zu wünschen gewesen. Wer mit Victor Conzemius die Minorität des Ersten Vatikanischen Konzils als Vorhut des Zweiten bezeichnet, kann die Minorität des Zweiten Vatikanischen Konzils als Nachhut des Ersten bezeichnen. Diese Nachhut gab es nicht nur unter den Konzilsvätern und gab und gibt es nicht nur in der Römischen Kurie, sondern auch unter Theologen, Bischöfen, Priestern und Laien in allen angesprochenen Ländern: die Konfliktlinien verlaufen deshalb auch innerhalb der einzelnen angesprochenen Ortskirchen.
Trotz dieser Wünsche bleibt es dabei: ein informatives und sachkundiges Buch, das eine aufmerksame Lektüre verdient.

Rolf Weibel


Anmerkung

1 Hubert Kirchner, Die römisch-katholische Kirche vom II. Vatikanischen Konzil bis zur Gegenwart, Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen IV/1, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1996, 192 Seiten.


Das Christentum im neuzeitlichen Deutschland

Kurt Nowak, Geschichte des Christentums in Deutschland. Religion, Politik und Gesellschaft vom Ende der Aufklärung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, Verlag C.H. Beck, München 1995, 389 Seiten.

Kurt Nowak ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Leipzig. Seine bisherigen Publikationen behandeln bis heute in Diskussion stehende kirchengeschichtliche Themen Deutschlands der jüngeren Neuzeit.
In diesem neuen Werk bietet er nun einen Gesamtüberblick von der Spätaufklärung bis in die frühe Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges. Dieses gründliche und stilistisch meisterhaft gegossene Werk stellt die Geschichte des Christentums in Deutschland in den Kontext von Staat und Politik, Kultur und Gesellschaft. Der evangelische Autor behandelt mit Kompetenz auch die katholische Kirchengeschichte. Da ist es sehr interessant, zu sehen, wie die beiden grossen Konfessionen der Katholiken und Protestanten sich oft unterschiedlich und selten gemeinsam den Herausforderungen von Kultur und Politik stellten. Doch Kurt Nowak macht nicht nur Feststellungen. Er geht ­ und das zeichnet sein Kirchengeschichtswerk aus ­ den Phänomenen auf den Grund.
So wird deutlich, wie oft das Milieu und das kulturell soziale Umfeld diese Konfessionen auch in ihrem Handeln oder Abseitsstehen beeinflusst haben. Nowaks Geschichte des Christentums in Deutschland zeigt eindrücklich, dass auch dieser leider oft als Randerscheinung behandelte Sektor der Geschichte das historische Gewebe wesentlich beeinflusst und bereichert.

Leo Ettlin


Benedikt

Gregor der Grosse, Der hl. Benedikt. Buch II der Dialoge lateinisch/deutsch. Herausgegeben im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, EOS-Verlag, Erzabtei St. Ottilien 1995, 240 Seiten.

Die Salzburger Äbtekonferenz (Benediktiner-Äbte der deutschsprachigen Länder) hatte 1992 in einer wissenschaftlich aufgearbeiteten Edition die Regel des heiligen Benedikt lateinisch und deutsch herausgegeben. Es ist eine logische Folge, dass die zweite authentische Quelle zu Benedikt, das zweite Buch der Dialoge Gregors des Grossen in einer ähnlichen Ausgabe zugänglich gemacht wird. Die Edition und Übersetzung wurde von einem dafür kompetenten Team von Mönchen erarbeitet. Dieses anonyme «Kollektiv» präsentiert auch eine wissenschaftliche Einführung, die alle historischen, literarischen und textkritischen Fragen umfasst. Der Band präsentiert sich in vornehmer bibliophiler Aufmachung.

Leo Ettlin


Charismatische Ideale

Meinrad Gyr SJ, Annelies Stengele, «Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände» Das Geheimnis der Kirche, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 1995, 220 Seiten.

Das Buch steht im Kontext der charismatischen Bewegung. Es geht aus von der heutigen Kirchensituation und von der erneuten Blockierung in der ökumenischen Bewegung. Im ersten referierenden Teil stellt der Jesuit Meinrad Gyr den Zwiespalt zwischen den charismatischen Idealen und dem heutigen Zustand der Erschlaffung dar und verweist auf das ermutigende Beispiel von heiligen Menschen und ihren Lehren. Diese exemplarischen Hinweise schöpfen meistens, aber nicht ausschliesslich, aus der Gegenwart. Im zweiten Teil wendet sich Annelies Stengele in freien Rhythmen an diese Vorbilder und fasst einprägsam den Kern ihrer Lehre und Botschaft zusammen. Dieses Buch zum Meditieren insistiert aber auf Nachahmung und Engagement.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998