SKZ 31-32/1998

INHALT

Berichte

Endzeitphantasien

von Rolf Weibel

 

UFO, Apokalyptik, Weltuntergangsstimmung: Mit diesem Themenkreis befasste sich die Studientagung der Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen der deutschen Bistümer, an der auch Gäste aus Österreich und vor allem auch aus der Schweiz teilnahmen, fand die Tagung dieses Jahr doch im Bildungszentrum Neu-Schönstatt in Quarten statt. An einem Abend konnte deshalb die von der Schweizer Bischofskonferenz errichtete und von Joachim Müller geleitete Katholische Arbeitsstelle «Neue Religiöse Bewegungen» auswärts zu Tisch bitten.

Ausserkirchliche Varianten

Auch für die ersten beiden Fachreferate konnten Schweizer gewonnen werden. Zunächst trug Dieter Streuli, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Universität Zürich, sozialpsychologische Reflexionen zum UFO-Phänomen vor. Dabei strukturierte er zum einen die komplexen Phänomene im Umkreis dessen, was seit der Sichtung von neun nichtidentifizierten fliegenden Objekten durch Kenneth Arnold am 24. Juni 1947 UFO heisst. So sind beispielsweise die UFO-Begegnungen nicht gleichsinnig: die einen sind sehnsüchtig-erwartungsvoll («hysterisch»), die andern grüblerisch-forschend («zwangshaft») und wieder andere traumatisch.
Zum andern diskutierte Dieter Streuli die dazu bekannten Erklärungen und Hypothesen, wobei er die von ihm vertretene psychosoziale Hypothese eingehender dar-legte; dabei schloss er allerdings nicht aus, dass manche Phänomene sich später einmal als militärische Experimente erweisen könnten. Seine Hypothese erklärt das UFO-Phänomen als Mythos, das heisst als «eine Geschichte zwischen Kollektiv und Subjekt, in welcher das Subjekt/das Kollektiv kosmische und existentielle Faktoren seines Lebens konfrontiert und verarbeitet». Der Mythos stellt sehr wohl die Frage der Realität, beantwortet sie dann aber meist einseitig oder dualistisch.
Bemerkenswert ist, dass sich neuerdings selbst die Hare-Krishna-Bewegung des UFO-Mythos bedient, indem sie die «Vimanas» der Veden zu Flugwagen im alten Indien erklärt. Um apokalyptische Vorstellungen im alten Indien und in den sich darauf berufenden Gurubewegungen ging es im anschliessenden Referat von Joachim Finger, Religionswissenschaftler, Pfarrer im Schaffhausischen und Sekretär der Ökumenischen Arbeitsgruppe «Neue religiöse Bewegungen in der Schweiz». Wohl ist die indische Zeitrechnung zyklisch und sind die grossen Zeiträume unvorstellbar kosmisch, so dass «alles schon einmal da war»; die kurzen Zeiträume indes können dennoch linear gedacht werden. So ist das gegenwärtige hinduistische Zeitalter das Eiserne (Kali Yuga) und es dauert noch lange; und dennoch kann für das moderne indische Denken die Qualität dieser Zeit verbessert werden: Innerhalb der Devolution im Grossen ist eine Evolution im Kleinen möglich. Die Transzendentale Meditation beispielsweise verspricht als Methode eine evolutionäre Entwicklung zum Besseren, mit ihrer «Weltregierung» gar eine weltweite soziale Verbesserung.
Anderseits erwarten die Brahma Kumaris eine Katastrophe, die sie als die gerettete Gemeinde überleben werden. Die komplexe indische Religiosität wird in dieser Bewegung so vereinfacht, dass Joachim Finger sie als indische Mittelklasse-Religiosität einstuft. Gleichzeitig knüpfen die Brahma Kumaris in ihrer Werbung im Westen so an Bestehendes an, an die westliche Ikonographie beispielsweise, dass sie als die Bewegung gelten können, der die Verbindung von Indischem und Westlichem am besten gelungen ist. Ob die apokalyptische Ausrichtung eine suizidale Gefährdung der Gruppe impliziert, bezweifelt Joachim Finger; Splittergruppen hingegen könnten sehr wohl versucht sein, die erwartete Katastrophe selber herbeizuführen.

Katholische Varianten

In eine eigene Welt führte der Diplomtheologe Ulrich Hoffmann, freier Mitarbeiter der Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen des Bistums Augsburg mit Schwerpunkt «Gruppen am Rande der Kirche» mit seinem Referat «Engelwerk und Kabbalistik» ein. Die Qabbala erschien im 12. Jahrhundert als esoterische Theosophie, Anthroposophie und Historiosophie und wurde im Spanien des 13. Jahrhunderts und im Palästina des 16./17. Jahrhunderts zum dominanten Ausdruck jüdischer Spiritualität und Lebensbewältigung. Das Engelwerk (Opus Angelorum) entstand 1947 in Innsbruck als geistliche Bewegung, die sich besonders die Betrachtung des Wirkens der heiligen Engel und ihre Verehrung vorgenommen hatte; der engelwerkeigenen Engelverehrung liegen «Eingebungen» von Gabriele Bitterlich zugrunde.
Anhand paralleler Vorstellungen zeigte Ulrich Hoffmann auf, wie die Theologie des Engelwerkes in ihrer Darstellung eines grandiosen Weltbildes und der darin eingebetteten Engelwelt weit über die klassische Lehre der Kirche hinausgeht und stark geprägt scheint von Einflüssen aus dem persischen Dualismus und der spätjüdischen Mystik der Qabbala. So überrascht beispielsweise die Ähnlichkeit der «Schutzengelweihe» des Engelwerkes mit der «heiligen Hochzeit» der Qabbala. Bei der «Schutzengelweihe» ist zu sprechen: «Diese meine Hand ist dir nun in den Augen Gottes gegeben als Unterpfand meines festen Willens und der Bindung an dich. Und auch ich will deine Hand festhalten und nie mehr auslassen. Du, o Gott, lege deine Hand über unsere Hände und binde uns zusammen und segne uns mit deiner ganzen Liebe und Treue.» In der Qabbala vereint sich die Schechinah mit dem höchsten der Zephirot, dem Malkuth, wodurch die Rettung durch Gott für die ganze Welt wirksam wird.
Die ­ prominent von Johann Auer vorgetragene ­ theologische Kritik dieser Theologie und Spiritualität differenziert: Die tiefe Frömmigkeit der Engelwerk-Theologie kommt in einem falschen theologischen Denksystem zum Ausdruck. So müssen denn auch Parallelen bzw. Beziehungen zwischen dem Engelwerk und anderen Bewegungen (Marianische Priesterbewegung, Pro Deo et fratribus...) ungute Gefühle auslösen.
Der Leiter der Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen des Bistums Augsburg, der Diplomtheologe Hubert Kohle, war gebeten worden, über endzeitliche Motive in christlichen Bewegungen zu sprechen; wegen Zeitknappheit musste er sich dann darauf beschränken, die Grundzüge seines Beitrages im Herder-Taschenbuch «Endzeitfieber. Apokalyptiker, Untergangspropheten, Endzeitsekten»<1> herauszustellen. Einerseits machte er auf die erhebliche Wirkungsgeschichte der «grossen Botschaft» von La Salette aufmerksam, anderseits erinnerte er an die hilfreiche Systematik des spanischen Jesuiten Carlos María Staehlin, dessen Hauptwerk «Apariciones (Erscheinungen)» nur noch in einer Handvoll spanischer Bibliotheken zu finden ist und dessen deutsche Ausgabe erfolgreich hintertrieben wurde. Schon er stellte bei den Marienerscheinungen eine Zunahme des ­ religiösen wie politischen ­ «Reformtyps» mit dem dualistischen Schema «Katastrophe ­ Triumph» fest: Maria erscheint immer häufiger gegen etwas und betreibt damit zunehmend Kirchenpolitik.
In der engagierten Diskussion wurden verschiedene Problemkreise angesprochen. Es gibt zunehmend Priester, die einer Bewegung zugehören und ohne bischöfliche Beauftragung «kategorial» Seelsorge betreiben: eine moderne Version des «clerus vagans». Die Berufung auf «Privatoffenbarungen» und in ihrem Gefolge eine fundamentalistische Marienlehre und -frömmigkeit wirft nicht nur hermeneutische Probleme auf, sondern führt auch zu Handlungsbedarf von seiten der Kirchenleitung. Die Feststellung, dass auf der «konservativen» Seite die Ränder ausfransen, provozierte die Rückfrage, ob das nicht auch für die «progressive» Seite gelte.

Staatliche Vorkehren

In Deutschland wird zurzeit nach dem Handlungsbedarf auch von seiten des Gesetzgebers gefragt. So liegt zum Beispiel ein Gesetzentwurf des Bundesrates über Verträge auf dem Gebiet der gewerblichen Lebensbewältigungshilfe vor; ein solches Gesetz würde nicht nur den Psychokulten Schranken auferlegen, sondern auch den Beratungsstellen Vorschriften machen. Vor allem aber ist die Enquete-Kommission des Bundestages zu den sogenannten Sekten und Psychogruppen an der Arbeit. Über ihren gegenwärtigen Diskussionsstand informierte Hans Gasper, Grundsatzreferent der Zentralstelle Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz: der Kommissionsbericht wird voraussichtlich auf eine Sektendefinition verzichten und sich mit einer psychosozialen, ethisch orientierten Beschreibung begnügen und auch sagen, dass es von der Persönlichkeit der Betroffenen abhängt, ob «Sekten» destruktiv wirken. Als für die Zukunft grösseres Problem wird er ferner auf die Problematik der Strukturvertriebe aufmerksam machen.
Der Informations- und Beratungsdienst des Referats für Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Aachen hatte für die Enquete-Kommission ein Gutachten zu erstellen über «Beratungsbedarf und auslösende Konflikte im Fallbestand einer sogenannten Sektenberatung anhand von Fallkategorien und Verlaufsschemata». Über einige der durch die dazu erstellte empirische Studie gewonnenen Erkenntnisse referierte der Leiter dieses Dienstes, der promovierte Psychologe Hermann Josef Beckers: Ein Beratungsbedarf ergibt sich, wenn eine problematische Gruppenzugehörigkeit Beziehungsprobleme zur Folge hat. Eine Gruppe wirkt attraktiv, wenn man sich von der Zugehörigkeit einen Zugewinn an Lebensqualität bzw. die Lösung für Lebensprobleme erwartet.
Diese Erkenntnis: sogenannten Sekten und Psychogruppen als ­ problematische ­ Lebensbewältigungshilfe, das ist eine Herausforderung sicher auch für die Kirche(n), aber nicht nur für sie.


Anmerkung

1 Hans Gasper, Friederike Valentin (Hrsg.), Endzeitfieber. Apokalyptiker, Untergangspropheten, Endzeitsekten, Herder/Spektrum 4522, Freiburg i.Br. 1997, 256 Seiten. Dieses Taschenbuch informiert über die verschiedenen Gestaltungen und Ausprägungen von Endzeitvorstellungen in Geschichte und Gegenwart. Der erste Beitrag zeigt die zentralen motivgeschichtlichen Topoi in Europa auf. Anschliessend stellen drei Beiträge christlich geprägte Endzeitvorstellungen vor, und vier weitere behandeln solche Vorstellungen im esoterischen Bereich, in der rechten Szene, im Sonnentempelorden und in Ostasien. Abschliessend werden aus soziologischer und theologischer Sicht orientierende Deutungen angeboten: Weissagungen als Mittel zur Angstbewältigung, Anfälligkeit für Apokalyptisches als Folge des kulturellen Wandels, der christliche Sinn der Apokalyptik.


Im gemeinsamen priesterlichen Dienst von gläubiger Hoffnung getragen

von Josef Fritsche

 

Am 3. Juni 1998 traf sich in der «Langmatt» in Brunnen (SZ) die Priestergemeinschaft «Cor unum» zur Generalversammlung. Da diese Priestergemeinschaft vielen nicht bekannt sein dürfte, möchten wir uns kurz vorstellen:
Vor knapp vierzig Jahren schlossen sich einige Schweizer Diözesanpriester zu einer losen Gemeinschaft zusammen, um sich im priesterlichen Dienst zu unterstützen, zu ermutigen und zu ergänzen. Diese Priester nahmen ein Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweg, das wenige Jahre danach im Priesterdekret (Nr. 8) folgende Empfehlung verabschiedete: «Das gemeinsame Leben oder eine Art Lebensgemeinschaft soll unter den Priestern gefördert werden. Auf diese Weise helfen sie sich gegenseitig im geistlichen Leben und in der Erweiterung ihrer Kenntnisse.»

Was wir anstreben

Wir möchten einander helfen, unser Priestersein in der heutigen Welt und Zeit so gut als möglich zu leben. Wir stärken uns gegenseitig im Willen zum täglichen Gebet, fördern unter uns die Betrachtung und die Schriftlesung. Wir möchten hinhören auf das, was Gott heute mit der Kirche vorhat und was er von einem jeden von uns will.
Trotz der schwierigen Zeit, in der sich die heutige Kirche in der Schweiz befindet, möchten wir ein frohes Ja sagen zum Dienst in der konkreten Kirche von heute.
Wir versuchen auch, unserer frei gewählten Ehelosigkeit immer wieder eine Motivation zu geben, die trägt und die einem ehelosen Leben um des Gottes Reiches willen einen tiefen Sinn verleiht.

Wie wir einander helfen

Die Mitglieder von «Cor unum» sind auf fünf regionale Gruppen aufgeteilt. Jede dieser Gruppen kommt in der Regel jeden Monat für ein paar Stunden zusammen. Wir beten miteinander, lesen Gottes Wort, halten inne und fragen nach Gottes Willen in unserem Leben. Im offenen brüderlichen und geistlichen Gespräch versuchen wir einander zu verstehen und zu raten. Eine kleine «Agape» gehört wie selbstverständlich zu diesen Zusammenkünften.
Neben diesen Gruppentreffen kommen jene, die zur Gemeinschaft gehören, jährlich zu einem Einkehrtag mit einem guten geistlichen Begleiter zusammen. Auch organisieren wir für unsere Gemeinschaft mindestens alle zwei Jahre gemeinsame fünftägige Exerzitien mit einem anerkannten Exerzitienleiter.

Hoffen auf eine gute Lösung in der Bischofsfrage im Bistum Chur

An der letzten Generalversammlung kam besonders auch die Sorge um eine gute Lösung in der Bischofsfrage im krisengeschüttelten Bistum Chur zum Ausdruck. Diese Sorge teilen auch jene Mitglieder aus anderen Diözesen. Wir hoffen und beten, dass Gott dem Bistum Chur eine geistliche Persönlichkeit schenkt, die mit der Hilfe und Gnade Gottes fähig ist, die «zerstrittenen Lager» wieder zu vereinen. Der «führungslose» Zustand, der in Chur seit Jahren andauert, wird von allen Mitgliedern von «Cor unum» als sehr schmerzlich empfunden. Wir sind der festen Überzeugung, dass das Leitungsamt eines Bischofs in einer Diözese unverzichtbar ist. Die Mitglieder von «Cor unum» sind voll guten Willens, mit dem neuen Bischof zusammenzuarbeiten und ihn zu unterstützen, dass die Einheit im Bistum Chur wieder hergestellt werden kann.

Neumitglieder bei «Cor unum» herzlich willkommen

Neue Mitglieder sind bei uns jederzeit willkommen. Dabei geht es uns nicht in erster Linie um die Vergrösserung unserer Mitgliederzahl, sondern darum, Mitbrüder im priesterlichen Dienst zu ermutigen, sie im Vertrauen auf Gottes Führung zu stärken und dabei durch neue Mitglieder auch selber neue Hoffnung und Ermutigung im Glauben zu erfahren. Weitere Auskünfte erteilen im Namen der ganzen Gruppe gerne Pfr. Jost Frei, Katholisches Pfarramt Schwendi, 6063 Stalden (OW); Pfr. Franz Gwerder, Katholisches Pfarramt, 8834 Schindellegi (SZ); Pfr. Josef Heule, Katholisches Pfarramt, 9463 Oberriet (SG).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998