SKZ 22-23/1998

INHALT

Berichte

Die Armenische Kirche im Wiederaufbau

von Rolf Weibel

 

 

Als der Nordwesten Armeniens 1988 von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, konnten auch von der Schweiz aus grössere Hilfsaktionen durchgeführt werden. Dieser Solidaritätserweis war nicht der erste in der Geschichte: schon die Armenierverfolgungen durch Kurden und Türken namentlich zwischen 1894 und 1922 lösten in der Schweiz eine grosse Hilfsbereitschaft aus. Seither hat Armenien in der Schweiz einen besonderen Klang, stellte Erich Bryner in seinem Vortrag über die armenische Nationalkirche an der diesjährigen Mitgliederversammlung der Catholica Unio der Schweiz fest. Erich Bryner ist Professor für osteuropäische Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Zürich und Leiter des Instituts «Glaube in der 2. Welt». Dieses hatte zusammen mit der Schweizerischen Bibelgesellschaft und dem Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) der Armenischen Kirche eine Druckerei eingerichtet, und der Abschluss dieses Projektes bot Prof. Bryner unlängst Gelegenheit zu einer Informationsreise in die Transkaukasusrepublik Armenien.
Seine dabei gesammelten Informationen und Eindrücke stellte Prof. Bryner in den grösseren geschichtlichen Zusammenhang. Die vorchalkedonensisch orthodoxe oder altorientalisch-orthodoxe Armenische Kirche ist eng mit der armenischen Nation und Kultur verbunden und wird deshalb zu den Orientalischen Nationalkirchen gezählt. Wie andere Orientalische Nationalkirchen hat auch sie die Konzilsbeschlüsse von Chalkedon nicht angenommen. Dieses Konzil verabschiedete 451 einen Kompromiss zwischen der antiochenischen und der alexandrinischen Christologie, die Prof. Bryner so auf den Punkt brachte: die Schule von Antiocheia neigte dazu, die menschliche und die göttliche Natur in Jesus Christus zu trennen, die Schule von Alexandreia neigte dazu, die beiden Naturen zu verschmelzen. Chalkedon zog auf beide Seiten hin Grenzen, indem es erklärte, die beiden Naturen seien ungetrennt und unvermischt. Die Armenische Kirche nahm am Konzil von Chalkedon allerdings nicht teil, sie konnte nicht teilnehmen, weil Armenien zu dieser Zeit mit dem Persischen Reich im Kriegszustand war. Die Konvergenzerklärung zwischen den chalkedonensisch-orthodoxen und den vorchalkedonensisch-orthodoxen Kirchen von 1991 hält denn auch fest, dass damals nicht die theologischen Differenzen, sondern die politischen Interessen zur Kirchentrennung geführt hatten.

Armenisierung der Kirche und Fremdherrschaften

Die Armenische Kirche ist eine alte Kirche; die Legende weiss zu berichten, dass die Apostel Thaddäus und Bartholomäus, Simon und Judas das Christentum nach Armenien gebracht hatten; die Armenische Kirche nennt sich deshalb auch Apostolische Kirche. Trotz schmaler Quellenlage ist unbestritten, dass schon im 2./3. Jahrhundert christliche Gemeinden gegründet worden sind. Im Jahre 301 ­ als im Römischen Reich noch die Diokletianische Christenverfolgung wütete ­ wurde das Christentum aufgrund des Wirkens von Gregor «dem Erleuchter» in Armenien Staatsreligion; die Armenische heisst deshalb auch «Armenisch-Gregorianische» Kirche. Gregor wurde 302 vom Bischof des reichskirchlichen Kaisareia zum Bischof geweiht. Die Armenische Kirche wurde aber bald autokephal. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts entwickelte der Mönch Mesrop ein Alphabet (mit mehr als 30 Buchstaben); damit begann nicht nur die Armenisierung der Kirche, sondern es kam auch zur Ausbildung einer eigenen armenischen Literatur. Damit war aber auch die enge Verbindung von Nation und christlicher Religion grundgelegt.
387 wurde Armenien zwischen Ostrom und Persien, zwischen den Byzantinern und den Sasaniden aufgeteilt; im 7. Jahrhundert wurde es von den islamischen Arabern angegriffen und geriet unter die Oberhoheit des Kalifenreiches. Im 11. Jahrhundert stiessen die Seldschuken in das Gebiet vor, und im 13. Jahrhundert folgte die mongolische Invasion. Im 11. Jahrhundert gründeten Auswanderer aus (Hoch-)Armenien in Kilikien das Fürstentum Kleinarmenien, das im 14. Jahrhundert von den Mamluken erobert wurde.
Nachrichten über die Armenier gelangten zu dieser Zeit über Kreuzfahrer, Wallfahrer und Handelsreisende nach Europa und in die Schweiz. Im 16. Jahrhundert zeigten Humanisten und Reformatoren für die Armenier ein besonderes Interesse; Prof. Bryner nannte als Beispiel den höchst sprachenkundigen Nachfolger Zwinglis als Professor für Altes Testament, Theodor Bibliander (1504/09­1564).
Im Gefolge auch dieser Geschichte war die Armenische Kirche in der frühen Neuzeit in fünf Katholikate und Patriarchate gegliedert. Ost- bzw. Hocharmenien, das unter persischer Herrschaft stand, gehörte zum Katholikat von Edschmiazin; das nun Osmanische Kleinarmenien gehörte zum Katholikat von Kilikien (das seinen Sitz seit 1930 im libanesischen Antelias hat); im Osmanischen Reich gehörten zur Armenischen Kirche zudem die Patriarchate von Jerusalem und Konstantinopel. In der Osttürkei gab es neben diesen noch heute bestehenden Sitzen das Patriarchat von Aghtamar.
Nach dem Russisch-Türkischen Krieg fielen Teile Armeniens an das Russische Reich, worauf ein erheblicher Russifizierungsdruck einsetzte; mit einem Statut von 1836 erhielt die Armenische Kirche als Gregorianische ein Sonderstatut.

Von der Verfolgung zum Wiederaufbau

Im Osmanischen Herrschaftsbereich brach für die Armenier die schwerste Zeit Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Verfolgungen durch Kurden und Türken aus. In Jerewan gibt es seit 1995 ein Institut, das sich der Erforschung dieser Genozide widmet.
Im russischen Herrschaftsbereich kam die schlimmste Zeit mit den Sowjets. Zur Sowjetzeit hatte die Kirche zu erleiden, was alle Kirchen in der Sowjetunion zu erleiden hatten. Ihre Lage war aus mehreren Gründen allerdings etwas besser als jene der Georgischen Kirche: Die Armenische Kirche hatte ihre Beziehungen zu den Armeniern im Ausland ­ diese Diaspora umfasste zu Beginn der Neuzeit schon einen Drittel aller Armenier; die Armenische SSR war weit von Moskau entfernt; das religiöse Leben wurde im Verborgenen weiter gepflegt; die christliche Religion und die armenische Nation gehörten zusammen.
Nach dem Zusammenbruch der UdSSR bzw. ihrer Ablösung durch die GUS 1991 war für die Armenische Kirche die Ausgangslage für den Wiederaufbau auch besser als in der übrigen ehemaligen Sowjetunion. Das Religionsgesetz von 1991 gewährt eine schrankenlose Religionsfreiheit, was inzwischen bereits zu erheblichem Missbehagen auf seiten der Armenischen Kirche geführt hat. Während zur Sowjetzeit Armenien zwei Diözesen hatte, sind es heute acht. Besonderes Gewicht wird auf den Aufbau der Katechese und den Priesternachwuchs gelegt. Die Zahl der Kandidaten zum Priesteramt hat sich seit der Unabhängigkeit Armeniens verdreifacht, so dass neben dem Seminar von Etschmiadsin zwei weitere eröffnet werden konnten. An der 1995 errichteten Theologischen Fakultät der Universität Jerewan sind 90% der Studierenden Frauen, die einmal zum grossen Teil als Religionslehrerinnen tätig sein werden. Überall sei eine grosse Aufbruchstimmung zu spüren, berichtete Prof. Bryner.
Anderseits hat der Krieg um Berg-Karabach (den armenischen Bezirk Arzach in der Aserbaidschanischen Republik) eine schwierige Zeit mit unter anderem einem grossen Energie- und Wassermangel zur Folge; wirtschaftliche Zerfallserscheinungen sind sichtbar. Armenien, das heute rund 3,4 Mio. Einwohner und Einwohnerinnen zählt, weil zwischen 1991 und 1997 1 Mio. ausgewandert sein dürften, fühlt sich heute isoliert. Entsprechend wichtig sind die kirchlichen Kontakte zwischen den Westkirchen und der Armenischen Ostkirche.

Eine ostkirchliche Ehrung

Im geschäftlichen Teil der Jahresversammlung konnte Thomas Egloff, Präsident der Catholica Unio der Schweiz und zugleich Schweizer Sekretär der Catholica Unio Internationalis, Weihbischof Peter Henrici als neuen Delegierten der Schweizer Bischofskonferenz im Verein willkommen heissen. Anderseits war zu erfahren, dass der griechisch-melkitisch-katholische Erzbischof von Saida, Georges Kwaiter, Thomas Egloff in Anerkennung seiner Verdienste um die katholischen Ostkirchen zum Archimandriten weihen werde. Zu den katholischen Ostkirchen gehört auch das mit Rom Unierte Patriarchat der Armenier (mit Sitz in Beirut und Sommersitz in Bzommar). Als evangelisch-reformierter Theologe wollte Prof. Bryner die Uniertenproblematik indes nicht zur Sprache bringen; so überging er auch die Zeit zwischen 1198 und 1375 sowie die Jahre nach dem Konzil von Florenz (1439), in der die Armenische Apostolische Kirche mit Rom uniert war.
Die Catholica Unio der Schweiz wird nächstes Jahr das 75. Jahr ihres Bestehens begehen können und diesen Anlass als Gelegenheit wahrnehmen, mit besonderen Veranstaltungen auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.


20 Jahre Club kbr - 20 Jahre im Dienste von Begegnung

von Maria Weibel-Spirig

 

Anlässlich der diesjährigen Delegiertenversammlung des Vereins Katholischer Bekanntschaftsring wurde das 20jährige Bestehen dieser Institution gefeiert. Hauptschwerpunkt des Tages war das Referat «Wo bleibt der Pfeffer im Beziehungsalltag?» des Theologen und Beraters Niklaus Knecht-Fatzer, der die Arbeitsstelle Partnerschaft ­ Ehe ­ Familie im Bistum St. Gallen leitet. In seinen Ausführungen erläuterte er, wie verschiedene Grundannahmen, die aufgrund von Vorstellungen und unreflektierten Sehnsüchte zu Fallen im Beziehungsalltag werden können, wenn sie sich verfestigen oder verallgemeinern. Wird zum Beispiel der Anspruch auf währende Verliebtheitsgefühle zum Massstab, wird Liebe auf Spannung oder Erotik reduziert, oder wird die Erfahrung der Ergänzung verabsolutiert, wird Entwicklung zu Neuem, wird Veränderung blockiert.
Liebe zu einem Du ist umfassender, schliesst die Erfahrung von Hell und Dunkel mit ein, weiss um den Wegcharakter eines Miteinanderseins. Liebe hat damit zu tun, ob erfahren und erlebt werden kann, was Prof. Zulehner Lebensheiligtümer nennt: 1. Dass ich als Mensch ernst- und wahrgenommen werden kann, dass ich mich und das Du in seiner Einzigartigkeit erspüre. 2. Dass ich mich geborgen weiss und mein und des andern Einlassen verbindlich ist. 3. Dass wachsen und sich entfalten können zu den Grundoptionen einer Beziehung gehören und dass mit diesem Blick in die Zukunft geschaut werden kann.
Im zweiten Teil seines Referates sprach N. Knecht denn auch über Bausteine für den Beziehungsalltag. Auch wenn lebendige Beziehung Geschenk ist, ist sie zugleich Aufgabe, die es zu gestalten gilt, damit das Miteinander nicht fad und ohne Würze bleibt.
Sympathisch brachte der Referent seine Wertschätzung dem Club kbr gegenüber zum Ausdruck. Seriosität, Professionalität und ein liebevolles Engagement für den Menschen zeichnen diese Institution aus, die sich voll Achtung dem Bedürfnis vieler Alleinstehenden nach Begegnung oder Beziehung widmet.

Ein bewährter Dienst

Ursprünglich in der Absicht, heiratswilligen Landwirten eine Alternative zu kommerziellen Partnervermittlungsinstituten anzubieten, wurde er vor 20 Jahren von Nationalrätin Helen Meyer mit Unterstützung vor allem bäuerlicher katholischer Kreise gegründet.
Heute ist der Club breiter abgestützt. Die Mitglieder kommen aus der ganzen Schweiz und aus allen Bevölkerungsgruppen. Sie sind ledig, verwitwet oder geschieden, haben verschiedene Berufe und sind christlich orientiert. Der Club bietet keine direkte Partnervermittlung an. Er versteht sich als Drehscheibe für Menschen, die gerne andere Menschen kennenlernen möchten und die selber entscheiden, mit wem sie intensivere Kontakte aufnehmen möchten. So stützt sich sein Angebot auf zwei Pfeiler: auf den Briefclub für gezielte Kontakte für Partnersuchende und den Freizeitclub mit einem breiten Angebot an Veranstaltungen für spontane Begegnungen.
Seit einigen Jahren bietet der Club für Mitglieder ab 55 eine besondere Initiative an: den Silberclub, der sich als eine Art Selbsthilfegruppe organisiert.
Margot Collins ist seit mehreren Jahren kompetente Geschäftsleiterin und gibt gerne weitere Auskunft, auch über den Solidaritätsfonds für Mitglieder, deren finanzielle Situation einen Vollbeitrag nicht zulässt. Bei ihr sind auch Informationsunterlagen erhältlich.<1>


Anmerkung

1 Adresse: Club kbr, Moosstrasse 15, 6003 Luzern, Telefon 041-2102761.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998