SKZ 46/1997

INHALT

Theologie

Die Theologie in der Universität

von Rolf Weibel

Die Schweizerische Theologische Gesellschaft beschäftigte sich an ihrem diesjährigen Herbstkolloquium, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Hermeneutik an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, mit dem Platz der Theologie in der modernen Universität. Gegründet wurde diese Theologische Gesellschaft 1965 in ökumenischer Perspektive, um Theologen und Theologinnen aus allen Kirchen und allen Landesteilen der Schweiz zur Diskussion theologischer Fragen zusammenzuführen und so die theologische Forschung zu fördern. Neben dieser nationalen interkonfessionellen Gesellschaft gibt es internationale konfessionelle Gesellschaften sowie nationale und internationale Fachgesellschaften der einzelnen theologischen Disziplinen, die konfessionell einheitlich, interkonfessionell oder sogar interdisziplinär sind, wie beispielsweise die Schweizerische Gesellschaft für orientalische Altertumswissenschaft, die dieses Jahr ihr 20jähriges Bestehen begehen kann. Als einzige allgemeine nationale Gesellschaft von Theologen und Theologinnen ist die Schweizerische Theologische Gesellschaft in den letzten Jahren im Rahmen der gelehrten Gesellschaften zunehmend Ansprechpartnerin für die schweizerische Wissenschafts- und Forschungspolitik geworden. So hat sie sich für den Bereich Theologie an der Evaluation der geisteswissenschaftlichen Forschung beteiligt, die der Schweizerische Wissenschaftsrat und die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften durchgeführt haben und die dieses Jahr zum Abschluss gekommen ist. Für die Theologische Gesellschaft war es deshalb an der Zeit, ein Kolloquium zur Stellung der Theologie im Reigen der Geisteswissenschaften, und zwar konkret: im Rahmen der modernen Universität durchzuführen.

Theologie als Religionswissenschaft

Am Kolloquium wurde zunächst das Verhältnis zwischen Theologie und Religionswissenschaft aufgegriffen, weil in der Wissenschafts- und Forschungspolitik Theologie und Religionswissenschaft häufig zusammen genannt werden. Der Vorschlag des evangelischen Tübinger Systematikers Eilert Herms, Theologie und Religionswissenschaft als Kulturwissenschaften und Theologie deshalb als die mit einem christlichen Vorverständnis betriebene Religionswissenschaft zu begreifen, wurde lebhaft diskutiert. Diese Verhältnisbestimmung ging von der These aus:
«Das Verhältnis Theologie/Religionswissenschaft muss vor dem Hintergrund der Wende von der Geistes- zur Kulturwissenschaft bestimmt werden. Voraussetzung dafür ist eine Verständigung über die Begriffe Philosophie, Weltanschauung, Religion.» Alle drei Ausdrücke bezeichnen für Eilert Herms die ontologischen Gewissheitsbestände, die alle aktuellen Handlungsmöglichkeiten des Menschen begründen und so eine «zielwahlorientierende» Funktion haben. Die konkrete Behandlung von Religion sei aber nur möglich als «Thematisierung jeweils einer positiven Religion in ihrer geschichtlichen Existenz, ihrem geschichtlichen Gewordensein, ihren geschichtlichen Lebensäusserungen und Wirkungen sowie ihrer Fortentwicklung». Weil einerseits Religionswissenschaft hermeneutisch nicht neutral sein kann, anderseits aber auch christliche Kategorien als Leithorizont für religionswissenschaftliches Arbeiten legitim sind, ergibt sich als zweite These: «Theologie ist Religionswissenschaft, und zwar in exemplarischer Gestalt Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft.» Als Kehrseite dieser These kann die dritte gelesen werden: «Nicht alle Religionswissenschaft ist Theologie. Aber alle Religionswissenschaft ist positional und praxisbezogen.» Denn Religionswissenschaft ausserhalb der Theologie «ist faktisch genau so unauflöslich wie die Theologie an kulturgeschichtlich gewachsenes vorwissenschaftliches Wirklichkeitsverständnis gebunden. Es gehört zu ihrer wissenschaftlichen Diszipliniertheit, diese Gebundenheit offenzulegen.» Und so kann auch die Religionswissenschaft ausserhalb der Theologie gar nicht anders, «als auch für die Pflege des geschichtlichen Institutionengefüges praktisch Verantwortung zu übernehmen, in dem das sie bindende Daseinsverständnis lebt und tradiert wird.» So gehören für Eilert Herms Theologie und alle sonst noch möglichen Religionswissenschaften zum gleichen kulturwissenschaftlichen Paradigma.
Die praktische Frage, welche religionsgeschichtlichen Institutionen, Forschungseinrichtungen und Studiengänge neben der Theologie denn noch einzurichten seien, beantwortete er mit der vierten These: «Die Unterhaltung anderer religionswissenschaftlicher Studiengänge neben der Theologie bemisst sich an den Bedürfnissen der religiös/weltanschaulichen Kultur einer Gesellschaft.» Religionswissenschaftliche Forschung und Lehre ist also für alle Religionen einzurichten, die als ­ in irgendeiner Weise institutionell verfasste ­ Traditionszusammenhänge von religiös/weltanschaulich/philosophischer Gewissheit in der Gesellschaft selbst wirksam sind; diese Einrichtungen müssen indes alle Konsequenzen des kulturwissenschaftlichen Paradigmas auf sich nehmen, wenn sie sich in der Universität verorten wollen.

Religion als Moment der Kultur

Einen eigenen Zugang eröffnete das Referat der politisch Verantwortlichen der Universität Genf, Staatsrätin Martine Brunschwig Graf. Weil im Kanton Genf Kirche und Staat getrennt sind, ist die Theologische Fakultät der Universität eine autonome, dass heisst: sie wird nicht vom Staat, sondern von einer Stiftung, zu der allerdings auch der Staat beiträgt, und über das Universitätsbudget finanziert. Für die Genfer Staatsrätin gehört Religion zur Kultur, und deshalb würde sie nur zum Schaden der Schule aus den staatlichen Schulen ausgeschlossen. Mit der berechtigten Absicht, keinen religiösen Druck auszuüben, damit die Kinder und Jugendlichen ihren eigenen Weg finden können, habe eine laizistische Schulpolitik die religiöse Kultur aus der Schule verbannt. Das Ergebnis sei ein religiöser Analphabetismus, eine Unkenntnis einer wesentlichen Dimension der Kultur. Weil die Beschäftigung mit Religion zur Beschäftigung mit Kultur gehöre, brauche es in der Universität die Theologische Fakultät. Weil Theologie aber auch eine Gewissensfrage sei, sei der Autonomie-Status angemessen: in die Universität eingebunden, aber vom Staat unabhängig.
Nachdrücklich sprach sich Martine Brunschwig Graf für den Kommunitätscharakter der Universität aus; jüngste Entwicklungen hätten dazu geführt, dass Bereiche innerhalb der Universität sich zunehmend abgeschottet hätten. Zudem müsste die Universität einen moralischen Vertrag mit der Gesellschaft schliessen. Von der Theologischen Fakultät erwartet sie diesbezüglich, sich in die interdisziplinäre Debatte um ethische Fragen einzubringen, die gesellschaftlich notwendige ethische Debatte zu animieren.

Ein Plädoyer für das Ganze

Für den Rektor der Universität Zürich, Hans Heinrich Schmid, Professor für Altes Testament an ihrer Theologischen Fakultät, dessen 60. Geburtstag im Rahmen des Kolloquiums gefeiert wurde, ist die Theologie für die Universität unverzichtbar; denn neben der Vernunft des Denkens brauche es die Vernunft des Glaubens, neben der «reinen» Vernunft brauche es eine andere Vernunft, die «vernehmende» Vernunft.
In seinem Schlussreferat bot er zunächst einen meisterhaften Überblick über den ihm gewidmeten Aufsatzband «Universitas in theologia ­ theologia in universitate» (Herausgegeben von Matthias Krieg und Martin Rose, TVZ, Zürich 1997). Im Abschnitt «Theologia in universitate» geht es um den Ort der Theologie an der Universität und ihre Aufgabe als Wissenschaft vom christlichen Glauben gerade an der Universität. Mit «Universitas in theologia» ist die Idee des Ganzen in der Theologie angesprochen. Denn wo es um Gott geht, geht es um Gott und die Welt, um alles bzw. um das Ganze. «Universitas in universitate» ist keine Tautologie: Gefragt wird nämlich nach der Gemeinschaft (universitas magistrorum et scholarium) und der Universalität (universitas litterarum). Schliesslich ist Theologie nicht nur in bezug auf die Universität, sondern auch auf die Welt zu thematisieren (universitas et theologia in mundo). Mit persönlichen Erfahrungen ­ «ein Theologe als Rektor» ­ veranschaulichte Hans Heinrich Schmid unter anderem die Unterschiedlichkeiten der beiden Rationalitäten, von denen im Aufsatzband die Rede ist.

Theologie und Kirche

Mit der Theologischen Fakultät ist die Universität also nicht nur ein Ort, wo «eine mit einem christlichen Vorverständnis betriebene Religionswissenschaft» betrieben, wo der Glaube denkerisch verantwortet wird; sie kann so auch zu einem Ort werden, wo sich Evangelium und Kultur begegnen. So sind die Theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten und Hochschulen auch für die Kirchen in mancher Hinsicht eine grosse Chance. Die Theologische Fakultät an der Universität vermittelt zwar keine berufspraktisch theologische Qualifikation, wohl aber die für einen kirchlichen Beruf in der Regel erforderliche wissenschaftlich theologische Qualifikation.
Das Verhältnis von universitärer Theologie und Kirche war nicht Thema des Kolloquiums, es würde sich aber leicht anschliessen lassen. Einleitend wünschte Martin Rose, Präsident der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft, dass solides theologisches Arbeiten an der Universität selbstverständlich, im Pfarramt aber auch möglich sein sollte. Deshalb sind auch die Theologinnen und Theologen auf den praktischen Arbeitsfeldern zur Mitgliedgliedschaft in der Theologischen Gesellschaft freundlich eingeladen.1

Anmerkung

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Sekretariat SThG, Katharina Siegenthaler, Tour Grise 24, 1007 Lausanne, Telefon 021- 6258917.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997