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Theologie |
Die Schweizerische Theologische Gesellschaft beschäftigte sich an ihrem diesjährigen Herbstkolloquium, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Hermeneutik an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, mit dem Platz der Theologie in der modernen Universität. Gegründet wurde diese Theologische Gesellschaft 1965 in ökumenischer Perspektive, um Theologen und Theologinnen aus allen Kirchen und allen Landesteilen der Schweiz zur Diskussion theologischer Fragen zusammenzuführen und so die theologische Forschung zu fördern. Neben dieser nationalen interkonfessionellen Gesellschaft gibt es internationale konfessionelle Gesellschaften sowie nationale und internationale Fachgesellschaften der einzelnen theologischen Disziplinen, die konfessionell einheitlich, interkonfessionell oder sogar interdisziplinär sind, wie beispielsweise die Schweizerische Gesellschaft für orientalische Altertumswissenschaft, die dieses Jahr ihr 20jähriges Bestehen begehen kann. Als einzige allgemeine nationale Gesellschaft von Theologen und Theologinnen ist die Schweizerische Theologische Gesellschaft in den letzten Jahren im Rahmen der gelehrten Gesellschaften zunehmend Ansprechpartnerin für die schweizerische Wissenschafts- und Forschungspolitik geworden. So hat sie sich für den Bereich Theologie an der Evaluation der geisteswissenschaftlichen Forschung beteiligt, die der Schweizerische Wissenschaftsrat und die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften durchgeführt haben und die dieses Jahr zum Abschluss gekommen ist. Für die Theologische Gesellschaft war es deshalb an der Zeit, ein Kolloquium zur Stellung der Theologie im Reigen der Geisteswissenschaften, und zwar konkret: im Rahmen der modernen Universität durchzuführen.
Am Kolloquium wurde zunächst das Verhältnis zwischen Theologie
und Religionswissenschaft aufgegriffen, weil in der Wissenschafts- und Forschungspolitik
Theologie und Religionswissenschaft häufig zusammen genannt werden.
Der Vorschlag des evangelischen Tübinger Systematikers Eilert Herms,
Theologie und Religionswissenschaft als Kulturwissenschaften und Theologie
deshalb als die mit einem christlichen Vorverständnis betriebene Religionswissenschaft
zu begreifen, wurde lebhaft diskutiert. Diese Verhältnisbestimmung
ging von der These aus:
«Das Verhältnis Theologie/Religionswissenschaft muss vor dem
Hintergrund der Wende von der Geistes- zur Kulturwissenschaft bestimmt werden.
Voraussetzung dafür ist eine Verständigung über die Begriffe
Philosophie, Weltanschauung, Religion.» Alle drei Ausdrücke bezeichnen
für Eilert Herms die ontologischen Gewissheitsbestände, die alle
aktuellen Handlungsmöglichkeiten des Menschen begründen und so
eine «zielwahlorientierende» Funktion haben. Die konkrete Behandlung
von Religion sei aber nur möglich als «Thematisierung jeweils
einer positiven Religion in ihrer geschichtlichen Existenz, ihrem geschichtlichen
Gewordensein, ihren geschichtlichen Lebensäusserungen und Wirkungen
sowie ihrer Fortentwicklung». Weil einerseits Religionswissenschaft
hermeneutisch nicht neutral sein kann, anderseits aber auch christliche
Kategorien als Leithorizont für religionswissenschaftliches Arbeiten
legitim sind, ergibt sich als zweite These: «Theologie ist Religionswissenschaft,
und zwar in exemplarischer Gestalt Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft.»
Als Kehrseite dieser These kann die dritte gelesen werden: «Nicht
alle Religionswissenschaft ist Theologie. Aber alle Religionswissenschaft
ist positional und praxisbezogen.» Denn Religionswissenschaft ausserhalb
der Theologie «ist faktisch genau so unauflöslich wie die Theologie
an kulturgeschichtlich gewachsenes vorwissenschaftliches Wirklichkeitsverständnis
gebunden. Es gehört zu ihrer wissenschaftlichen Diszipliniertheit,
diese Gebundenheit offenzulegen.» Und so kann auch die Religionswissenschaft
ausserhalb der Theologie gar nicht anders, «als auch für die
Pflege des geschichtlichen Institutionengefüges praktisch Verantwortung
zu übernehmen, in dem das sie bindende Daseinsverständnis lebt
und tradiert wird.» So gehören für Eilert Herms Theologie
und alle sonst noch möglichen Religionswissenschaften zum gleichen
kulturwissenschaftlichen Paradigma.
Die praktische Frage, welche religionsgeschichtlichen Institutionen, Forschungseinrichtungen
und Studiengänge neben der Theologie denn noch einzurichten seien,
beantwortete er mit der vierten These: «Die Unterhaltung anderer religionswissenschaftlicher
Studiengänge neben der Theologie bemisst sich an den Bedürfnissen
der religiös/weltanschaulichen Kultur einer Gesellschaft.» Religionswissenschaftliche
Forschung und Lehre ist also für alle Religionen einzurichten, die
als in irgendeiner Weise institutionell verfasste Traditionszusammenhänge
von religiös/weltanschaulich/philosophischer Gewissheit in der Gesellschaft
selbst wirksam sind; diese Einrichtungen müssen indes alle Konsequenzen
des kulturwissenschaftlichen Paradigmas auf sich nehmen, wenn sie sich in
der Universität verorten wollen.
Einen eigenen Zugang eröffnete das Referat der politisch Verantwortlichen
der Universität Genf, Staatsrätin Martine Brunschwig Graf. Weil
im Kanton Genf Kirche und Staat getrennt sind, ist die Theologische Fakultät
der Universität eine autonome, dass heisst: sie wird nicht vom Staat,
sondern von einer Stiftung, zu der allerdings auch der Staat beiträgt,
und über das Universitätsbudget finanziert. Für die Genfer
Staatsrätin gehört Religion zur Kultur, und deshalb würde
sie nur zum Schaden der Schule aus den staatlichen Schulen ausgeschlossen.
Mit der berechtigten Absicht, keinen religiösen Druck auszuüben,
damit die Kinder und Jugendlichen ihren eigenen Weg finden können,
habe eine laizistische Schulpolitik die religiöse Kultur aus der Schule
verbannt. Das Ergebnis sei ein religiöser Analphabetismus, eine Unkenntnis
einer wesentlichen Dimension der Kultur. Weil die Beschäftigung mit
Religion zur Beschäftigung mit Kultur gehöre, brauche es in der
Universität die Theologische Fakultät. Weil Theologie aber auch
eine Gewissensfrage sei, sei der Autonomie-Status angemessen: in die Universität
eingebunden, aber vom Staat unabhängig.
Nachdrücklich sprach sich Martine Brunschwig Graf für den Kommunitätscharakter
der Universität aus; jüngste Entwicklungen hätten dazu geführt,
dass Bereiche innerhalb der Universität sich zunehmend abgeschottet
hätten. Zudem müsste die Universität einen moralischen Vertrag
mit der Gesellschaft schliessen. Von der Theologischen Fakultät erwartet
sie diesbezüglich, sich in die interdisziplinäre Debatte um ethische
Fragen einzubringen, die gesellschaftlich notwendige ethische Debatte zu
animieren.
Für den Rektor der Universität Zürich, Hans Heinrich Schmid,
Professor für Altes Testament an ihrer Theologischen Fakultät,
dessen 60. Geburtstag im Rahmen des Kolloquiums gefeiert wurde, ist die
Theologie für die Universität unverzichtbar; denn neben der Vernunft
des Denkens brauche es die Vernunft des Glaubens, neben der «reinen»
Vernunft brauche es eine andere Vernunft, die «vernehmende»
Vernunft.
In seinem Schlussreferat bot er zunächst einen meisterhaften Überblick
über den ihm gewidmeten Aufsatzband «Universitas in theologia
theologia in universitate» (Herausgegeben von Matthias Krieg
und Martin Rose, TVZ, Zürich 1997). Im Abschnitt «Theologia in
universitate» geht es um den Ort der Theologie an der Universität
und ihre Aufgabe als Wissenschaft vom christlichen Glauben gerade an der
Universität. Mit «Universitas in theologia» ist die Idee
des Ganzen in der Theologie angesprochen. Denn wo es um Gott geht, geht
es um Gott und die Welt, um alles bzw. um das Ganze. «Universitas
in universitate» ist keine Tautologie: Gefragt wird nämlich nach
der Gemeinschaft (universitas magistrorum et scholarium) und der Universalität
(universitas litterarum). Schliesslich ist Theologie nicht nur in bezug
auf die Universität, sondern auch auf die Welt zu thematisieren (universitas
et theologia in mundo). Mit persönlichen Erfahrungen «ein
Theologe als Rektor» veranschaulichte Hans Heinrich Schmid unter
anderem die Unterschiedlichkeiten der beiden Rationalitäten, von denen
im Aufsatzband die Rede ist.
Mit der Theologischen Fakultät ist die Universität also nicht
nur ein Ort, wo «eine mit einem christlichen Vorverständnis betriebene
Religionswissenschaft» betrieben, wo der Glaube denkerisch verantwortet
wird; sie kann so auch zu einem Ort werden, wo sich Evangelium und Kultur
begegnen. So sind die Theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten
und Hochschulen auch für die Kirchen in mancher Hinsicht eine grosse
Chance. Die Theologische Fakultät an der Universität vermittelt
zwar keine berufspraktisch theologische Qualifikation, wohl aber die für
einen kirchlichen Beruf in der Regel erforderliche wissenschaftlich theologische
Qualifikation.
Das Verhältnis von universitärer Theologie und Kirche war nicht
Thema des Kolloquiums, es würde sich aber leicht anschliessen lassen.
Einleitend wünschte Martin Rose, Präsident der Schweizerischen
Theologischen Gesellschaft, dass solides theologisches Arbeiten an der Universität
selbstverständlich, im Pfarramt aber auch möglich sein sollte.
Deshalb sind auch die Theologinnen und Theologen auf den praktischen Arbeitsfeldern
zur Mitgliedgliedschaft in der Theologischen Gesellschaft freundlich eingeladen.1
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Sekretariat SThG, Katharina Siegenthaler, Tour Grise 24, 1007 Lausanne,
Telefon 021- 6258917.