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Lesejahr C |
Der Prophet Micha aus der judäischen Grenzstadt Moreschet-Gat lebte im 8. Jh. v. Chr. Seine schonungslosen Worte an die Adresse des judäischen Landadels hinterliessen nachhaltigen Eindruck. Er war der erste, der es wagte, Jerusalem den Untergang zu prophezeien. Er durfte es ungestraft tun. Das war über hundert Jahre später, zur Zeit Jeremias nicht mehr selbstverständlich. Ein Systemkritiker namens Urijahu wurde wegen seiner kritischen Worte hingerichtet. Auch Jeremia drohte ein ähnliches Schicksal. Nur die ausdrückliche Erinnerung an Micha, der unter König Hiskija für seine Prophetie nicht verfolgt wurde, rettete ihm das Leben (Jer 26,18ff.). Auch nachdem Jerusalem 587 v. Chr. erobert worden war, erinnert sich ein Prophetenschüler an Michas Verheissungen, die nun leider in Erfüllung gegangen waren. Aber er beschränkt sich nicht auf ein moralisierendes «Nun habt ihr den Dreck; hättet ihr damals auf Micha gehört!» Vielmehr weist er nach eingetroffener Strafe mit Trostsprüchen den Weg für die Zukunft. «Dieser Trostprophet aus Jeremias Schule schlägt also in schwerster Zeit die Brücke der Hoffnung von Michas Gerichtsverkündigung zu neuen Taten Gottes» (H.W. Wolff). Der Sitz im Leben seiner Trostworte, so vermuten die Exegeten, waren Klagegottesdienste nach dem Fall Jerusalems, in welchen alte Prophetenworte gelesen und neu kommentiert wurden. Diese Kommentare wurden als Anhang zur Buchrolle des Propheten Micha aufbewahrt.
Die Sonntagsperikope umfasst den letzten von drei Jetzt-Sprüchen (4,9f.; 4,1113; 4,145,5) zwischen zwei grossen Zukunftsvisionen (4,18; 5,614). Die Visionen verheissen dem Rest Israels eine Erneuerung des Davidreiches mit einem geläuterten Königtum, das die Hirtenrolle wahrnimmt. Die im Ersten Testament einzigartigen Jetzt-Sprüche konkretisieren die beiden Visionen in drei Punkten: 1. JHWH ist der Löser Jerusalems (4,9f.). 2. Die Tochter Zion (= Jerusalem; vgl. SKZ 48/1997) wird über die anderen Völker triumphieren (4,1113). 3. Das davidische Königtum wird erneuert (4,145,5). Auf diesem Hintergrund empfiehlt es sich, im Gottesdienst den ganzen dritten Jetzt-Spruch vorzulesen.
Der dritte Jetzt-Spruch ist insofern schwierig, als er nachträglich
durch drei Randglossen, die nun im Haupttext stehen, kommentiert wurde (es
lohnt sich, den Text mit Farben zu bearbeiten!). Wenden wir uns zunächst
dem Jetzt-Spruch zu (4,145,1.3a.4a.5b): Jerusalem wird als «Tochter
der Streifschar» angesprochen. Die Einheitsübersetzung übersetzt
den ungewöhnlichen Ausdruck mit «Tochter der Trauer». Wahrscheinlich
aber handelt es sich um einen Hinweis auf den Versuch des Königs Zidkija,
mit einer Schar Gefolgsleute aus der belagerten Stadt auszubrechen (vgl.
2 Kön 25,4). Im gleichen Vers wird auch auf die Blendung eben dieses
Königs durch die Babylonier zur Strafe für seine Rebellion (vgl.
Jer 52,911) angespielt. Sarkastisch wird er als «Richter Israels»
(vgl. Ps 2,10; 2 Kön 15,5; Jes 16,5) tituliert. Dann folgt die berühmte
Verheissung eines neuen Herrschers aus Betlehem-Efrata (vgl. Kasten). Aus
diesem neben dem benachbarten Jerusalem liegenden, bedeutungslosen Flecken
stammte die Familie Isais, des Vaters Davids (1 Sam 16,1ff.). Nicht nur
David, auch andere grosse Figuren wie Saul (1 Sam 9,21) und Gideon (Ri 6,15)
gingen aus unbedeutenden Orten und Geschlechtern hervor. Durch das Wort
«hervorgehen» klingt die Natanverheissung, die Verkündung
eines ewigen Königtums für das Haus Davids an (2 Sam 7,12). Der
König wird als Hirt bezeichnet, ein Titel mit langer Tradition in Juda
(vgl. 2 Sam 5,2; Jer 23,14; Ez 34,23). Er wird die beiden klassischen
Aufgaben des Königtums erfüllen: die Besiegung der Feinde, in
diesem Fall der Grossmacht Babylon, die mit der Klausel «Assur»
bezeichnet wird, und die Errichtung eines Friedensreiches.
Das tönt alles im wahrsten Sinn des Wortes sehr verheissungsvoll. Doch
wie und vor allem wann soll es sich erfüllen? Auf diese drängenden
Fragen versuchten Schriftgelehrte in der langen Zeit des Wartens nach der
Rückkehr des Volkes von Jerusalem aus dem Exil in verschämt auf
die Papyrusrollen gekritzelten Randglossen Antworten zu geben. Zur ersten
Glosse (5,2): Nach diesem Kommentar soll der Friedensfürst noch im
Exil geboren werden und gemeinsam mit seinen Geschwistern in die Heimat
zurückkehren. Zur zweiten Glosse (5,3b): Das Friedensreich wird universale
Ausmasse haben eine Perspektive, die wohl durch die weltweite Zerstreuung
aber auch Kommunikation der jüdischen Gemeinden erstmals in den Blick
kam. Zur dritten Glosse (5,4b5a): Hierbei handelt es sich vielleicht
um eine bisher unverständliche Anspielung auf eine politische Konstellation
in babylonischer oder gar erst in hellenistischer Zeit.
Hat sich für Christinnen und Christen mit Jesus von Nazareth die Verheissung des Friedensfürsten im Buche Michas erfüllt? Aus der Tochter Zion wurde eine weltumspannende Kirche, die den in Betlehem geborenen Messias als Herrn aller Herren verehrt. Aber welcher Herr ist es? Der auf Stroh geborene oder der in Gold und Silber gefasste? «O möchte es mir doch gestattet sein, jene Krippe zu sehen, in welcher der Herr einst lag! Jetzt haben wir Christen angeblich ehrenhalber die aus Lehm gefertigte Krippe entfernt und durch eine silberne ersetzt. Aber für mich ist jene, die man fortgeschafft hat, wertvoller» (Hieronymus, der die letzten 34 Jahre seines Lebens in Betlehem verbrachte, wo er die Bibel ins Lateinische übersetzte).
aus dem Korsen Napoléon Bonaparte wurde ein soldatenfressender Feldherr, aus dem Anstreicher Hitler ein demagogischer Massenmörder, aus dem Schauspieler Ronald Reagan der rüstungsbesessene Präsident einer Weltmacht. Nicht in jedem Fall ist die Karriere des Tellerwäschers Garantie für Frieden und Gerechtigkeit.
Betlehem-Efrata (nicht Betlehem in Sebulon, Jos19,15) liegt auf der Wasserscheide des judäischen Bergrückens, über 800 m ü.M. Betlehem heisst hebr. «Brothausen», arab. «Fleischhausen». Der Witz geht um, dass man es angesichts der heutigen Situation in Palästina als «Sandwichhausen» bezeichnen müsste. Eine alte kanaanäische Bedeutung des Namens könnte «Haus des Kampfes» gewesen sein. In regenreichen Jahren verdiente es seinen Beinamen Efrata («fruchtbar»). In regenarmen Jahren drohte der Bevölkerung aber bald einmal der Hunger (vgl. Rut 1,1). So blieb der Ort immer klein und bedeutungslos. Um so frappanter ist seine theologische Bedeutung, nachdem der betlehemitische Guerrillero David zum Begründer der im Vergleich zum Nordreich Israel dauerhaften judäischen Dynastie geworden war. Der nach dem Untergang Judas unermüdlich verheissene gesalbte König (hebr. maschiach; gr. christos) wurde erneut in Betlehem erwartet. Diese messianische Erwartung erreichte im krisengeschüttelten ersten Jh. n. Chr. einen Höhepunkt. Jesus galt seinen Zeitgenossen als «Nazarener». Es gab Stimmen, die an seiner Authentizität als Messias zweifelten (vgl. Joh 7,4044). Es erstaunt deshalb nicht, dass sich die Evangelisten Matthäus (Mt 2) und besonders Lukas (Lk 2,120) bemühen, Jesus als den in Betlehem geborenen Messias darzustellen. Aber auch Menachem ben Hiskija, ein Anführer des ersten jüdischen Krieges, den einige Rabbinen hoffnungsvoll als Messias betrachteten, wurde mit einer betlehemitischen Geburtslegende versehen. Hartnäckigen Zweiflern an der Messianität Jesu wurde in Betlehem bald einmal die Krippe in der Höhle gezeigt, über der Kaiser Konstantin eine prächtige Basilika errichten liess. Bis auf den heutigen Tag empfängt sie all jene, die nach Betlehem pilgern, weil sie glauben, dass der arme Mann aus Nazareth der sehnlichst erwartete Friedensfürst war.