SKZ 41/1997

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Religion und Konfession in der Schweiz

Die Veränderungen im Religions- und Konfessionsgefüge der Schweiz seit der Volkszählung von 1850 aufgrund der Daten der seitherigen Volkszählungen: Diese Analyse wurde vom Institut für Sozialethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes durchgeführt und vom Bundesamt für Statistik veröffentlicht. <1> Die Daten der Volkszählungen können allerdings nur über die erklärte Religions- oder Konfessionszugehörigkeit und also nur über einen Aspekt der religiösen Identität Auskunft geben. Trotzdem sind die diachron gelesenen Daten der Volkszählung erhellend. <2>
Eine erste Tendenz, welche die Entwicklung der schweizerischen religiösen Landschaft charakterisiert, ist eine Stabilität der Religionsund Konfessionszugehörigkeit. Sie zeigt sich darin, dass eine grosse Mehrheit der Bevölkerung entweder einer protestantischen Kirche bzw. Gemeinschaft oder der römisch-katholischen Kirche angehört. Als relativ stabil erweisen sich auch die konfessionellen Verhältnisse bei (verheirateten wie unverheirateten) Paaren, insofern zum einen die Endogamie (der Anteil konfessionell oder religiös homogener Paare) immer noch hoch ist; sie betrug 1990 bei den Protestanten 61,3% und bei den Römisch-Katholiken 65,5% (zum Vergleich: bei den Juden 63,7% und bei den Muslimen 72,3%). Anderseits ist die Zunahme der konfessionsverschiedenen bzw. -verbindenden (verheirateten wie unverheirateten) Paare stetig; der Anteil von katholisch/protestantischen Paaren stieg von 5,4% im Jahre 1880 auf 16,4% im Jahre 1990.
Sodann hat sich das historische Verhältnis zwischen 35 Protestanten und 25 Katholiken gesamthaft zugunsten der Katholiken verschoben; seit 1970 bilden die Katholiken die grösste religiöse Gruppe innerhalb der Wohnbevölkerung, auch wenn sich seither ihr Anteil an der Bevölkerung ­ wie auch jener der Protestanten ­ verringert. In den 22 Kantonen mit einer konfessionellen Mehrheit von mehr als 60% im Jahre 1850 hat die entsprechende Konfession ihre Mehrheitsstellung allerdings auch noch 1990 inne. Die Zunahme des katholischen Bevölkerungsteils verdankt sich denn auch der Einwanderung aus mehrheitlich katholischen Ländern.
Schliesslich wurde die praktisch monopolartige Situation der christlichen Konfessionen von 1850 von einer Diversifikation von Kirchen und Glaubensgemeinschaften abgelöst. Dies zeigt sich im Zuwachs jener, die eine andere Zugehörigkeit erklären oder sich mit keiner religiösen Tradition mehr identifizieren. Dabei ist vor allem in den letzten drei Jahrzehnten eine erhebliche Zunahme der Zugehörigkeiten zu Minderheitskirchen und religiösen Gemeinschaften hervorzuheben. Allerdings sind erst in fünf Kantonen drei religiöse Minderheiten mit je über 1% in der kantonalen Gesamtbevölkerung vertreten. Die Zunahme jener, die sich als konfessions- oder religionslos erklärten, und jener, die eine Zugehörigkeitserklärung verweigerten, ist hingegen spektakulär, stieg sie doch zwischen 1960 und 1990 von 0,7% auf 8,9%.
Auf der einen Seite «erbt» ein grosser Teil der Bevölkerung die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensgemeinschaft, auf der andern Seite ist im Religions- und Konfessionsgefüge der Schweiz insgesamt eine weitreichende Pluralisierung im Gang. Dazu kommt, dass die erklärte Zugehörigkeit nur einen Aspekt der religiösen Identität darstellt, weil das religiöse Verhalten nicht (mehr) ausschliesslich von der Glaubensgemeinschaft bestimmt wird, der man angehört.

Rolf Weibel

Anmerkungen

<1>
Claude Bovay, L'évolution de l'appartenance religieuse et confessionelle en Suisse, Berne 1997; zu bestellen beim Bundesamt für Statistik, 3003 Bern, Telefon 031-3236060.

<2>
Im 1. Teil bespricht der Autor das Massnehmen der Glaubenszugehörigkeit, im 2. Teil erörtert er die erklärten Zugehörigkeiten, im 3. Teil geht es um die Paare, im 4. Teil um die Demographie der religiösen Gruppen, namentlich Migration und Immigration.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997