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P. Alfred Moser SAC

Fanatismus

Wie ist es menschenmöglich, ein selbstmörderisches, zerstörerisches Verbrechen zu begehen, das Tausende von Menschen in den Tod reist? Welche Beweggründe können einen Mensch so weit bringen? 
Ein Rache-Akt an persönlich verfeindeten Menschen kommt ab einer bestimmten Menge von Opfern nicht mehr in Frage. - Und um Geistesgestörte kann es sich auch nicht handeln, wenn der Anschlag eine Vielzahl von Mitarbeitern benötigt, die über lange Monate hinweg das Attentat minutiös genau und mit Fachkenntnissen vorzubereiten haben. - Was bleibt dann noch als Motiv?

Religiöser Fanatismus.
Um sich in Zukunft vor Katastrophen zu schützen, muss man sich ernsthaft überlegen, wie dem Fanatismus beizukommen ist. Eine weltweite Anti-Terror-Allianz ist sicher nötig, damit man angezettelte Terror-Akte frühzeitig erkennen und wirksam verhindern kann. Aber wir sind uns wohl darüber einig, dass die blosse Abwehr von aussen her nicht genügt: Fanatismus ist ein zutiefst menschliches, seelisches Problem. Wir müssen uns ebenso sehr darüber Gedanken machen, wie der Fanatismus überhaupt am Entstehen, aus seinen Wurzeln heraus verhindert oder doch möglichst eingedämmt werden kann.

Kurzlebige Fanatismus-Anwandlungen sind verständlich und verzeihlich, mindestens in Fällen, in denen jemandem schwerstes Unrecht zugefügt worden ist. Dem nachhaltigen, eingewurzelten religiösen Fanatismus ist äusserst schwer beizukommen, weil er überhaupt nicht sachlich mit sich reden lässt. Der Fanatiker ist der Gefangene seiner fixierten Ziele. Man kann sich nur noch vor ihm schützen, ihn als gemeingefährlich absondern. Um so dringlicher ist es, sich darüber Gedanken zu machen, wie man ihn am Entstehen verhindern kann. Und da steht - da ja der Fanatismus weltweit am Keimen ist, eine ganz bedeutsame Zukunftsaufgabe vor uns. Sie geht uns alle an, nicht nur die Eltern und Erzieher, sondern auch uns selbst.

Wie können wir die Fanatisierung verhindern?

Dazu einige stichwortartige Hinweise. Es geht, wie mir scheint, darum, in der Selbstentwicklung und in der Erziehung eine doppelte Balance anzustreben:

1. Ein gewisses Gleichgewicht zwischen Idealismus und Realismus. Auch beim Fanatiker ist ein "guter Faden" vorhanden, seine intensive Begeisterung und sein radikales Engagement für hohe menschliche Ideale: z.B. für Gerechtigkeit, für Wahrheit und Freiheit, für die strikte Einhaltung und Durchsetzung der Gebote Gottes. Ohne eine hohe Portion von Begeisterung für ein Ziel ist noch kaum je etwas Grosses und Bleibendes geschaffen worden. Das Üble beim Fanatiker ist nur dies, dass er in diesem idealen Bereich einäugig ist, sich nur ganz auf einen einzigen Wert versteift und fixiert. Darum muss dieser Idealismus ergänzt und ausgeglichen werden durch einen entsprechenden Realismus. Wir müssen darauf achten, zu sehen, was in der konkreten Situation überhaupt möglich ist, wie die Institutionen, die ja alle menschlich und darum unvollkommen sind, wie diese geschichtlich gewachsen sind - und dass solche Anliegen Ausdauer, Geduld und viel Zeit brauchen.

2. Eine weitere Balance scheint mir fast ebenso wichtig, jene zwischen persönlicher Überzeugung und der Bereitschaft sich selbst kritisch zu hinterfragen. Der Fanatiker nimmt sich selbst, seine Ansicht, sein Ziel zu ernst. Darum fehlt dem Fanatikern meistens auch jeder Humor; er kann sich selbst nicht einmal auf den Arm nehmen. Aus lauter Enthusiasmus für absolute Gerechtigkeit ist er fähig , selbst die grössten Ungerechtigkeiten zu begehen. Aus diesen vier Stichworten ergeben sich ganz konkrete Aufgaben in unserer Selbstentwicklung und in der Erziehung der Heranwachsenden. Angesichts der Tiefgründigkeit und des Umfangs der Fanatismusproblematik war es nicht möglich, den religiös-christlichen Aspekt aufzuzeigen. Nur noch dies sei zum Schluss noch kurz erwähnt: Jesus hat nicht die leidenschaftlichen Kämpfer seliggepriesen, sondern die Friedensstifter - immer wieder hat er Stellung bezogen gegen die Buchstaben- und Leistungsmoral der Pharisäer -und über allem Steht bei ihm die Liebe des barmherzigen Vaters und der Aufruf zur Nächsten- und Feindesliebe. In alldem hat er sich als Idealist und Realist erwiesen, bis zum blutigen Ende.

 

 
  Aktualisiert am 15. Oktober  2001  
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