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Von dem lieben herren sant pirminius sein leben

"Am Abend wirft sich in dem englischen Kloster der Mönch Winfried dem Abte zu Füssen: "Lasst mich zu den Sachsen gehen, nach Deutschland, um das Kreuz zu predigen...!"
In der gleichen Stunde kniet in einem spanischen Bergkloster ein hochgewachsener Recke vor dem geistlichen Vater: "Jede Nacht höre ich Wälder rauschen, das Spiel der Winde und Wellen. Ob Gott mich zu den Heiden ruft?"
Winfried weiss nichts von Pirminius, der nordspanische Mönch weiss nichts von dem Angelsachsen. Aber beide wissen vom Reiche Gottes.
Beide ruft Germanien. Das Land der undurchdringlichen Wälder und der gefürchteten Krieger. Das Land, das immer noch zwischen Christus und Wotan schwankt.
Und eines Tages werden beide aufbrechen. Winfried, der auch Bonifatius heisst und einmal in Fulda, im Herzen Deutschlands sein Grab bestellen wird. Und Pirmin, den man den Apostel der Alemannen nennen wird, der in dem kleinen unbekannten Hornbach sein Haupt zur letzten Ruhe legen wird.
Weit sind die Wege, die die beiden Männer wandern. Erst am Abend ihres Lebens werden sie sich begegnen.
Der Erzbischof Bonifatius und der Abtbischof Pirminius. Und die Welt wird dann verändert sein. Ein Reich wird dann erstehen, das tausend Jahre standhält. Eine Krone, die mit ihrem Glanz die Erde erfüllt. Strassen werden die Wälder durchdringen, Saatfelder sich breiten, wo der Bär seine Beute schlug."


Das ist eine kurze Textprobe aus dem unbekannten Buche "Pirminius, der Wanderer Gottes" von Nikolaus Lauer (1959)
Im Klapptext ist zu lesen: "Auf dem wildbewegten Hintergrund einer aufgewühlten Zeit erscheint das Bild eines bedeutenden Mannes, dessen Lebenslauf und dessen europäisches Wirken uns auch heute noch zu fesseln vermögen."
Wir wissen heute, dass der grosse Gründer des Klosters Reichenau im Bodensee auch auf dem Gebiet des heutigen Kantons Zürich weilte. Es mögen zwei, drei Jahre gewesen sein - eine besinnliche Ruhepause in einem rastlosen Leben - dass der Wanderbischof Pirminius in unserem Pfungen seine Klause bewohnte, "wobey er syn Ergötzlichkeyt an einem gegen die Töss quellenden Brünnelyn hatte".


Pirmins Zeit, der geschichtliche Hintergrund

Gegen Ende des 7.Jahrhunderts geschahen im Frankenreich folgenschwere Dinge. Aus der Hand der unfähigen und degenerierten Könige war die politische Macht immer mehr in die Hand ihrer führenden Staatsmänner, der Hausmeier, geglitten. Einer von ihnen, Pippin der Mittlere, erlangte im Jahre 687 die Herrschaft im gesamten Frankenreich, von den Pyrenäen bis zur Ostmark. Alle Macht lag nun in der Hand Pippins und seiner Nachkommen. Er war bestrebt, die Autorität des von ihm gelenkten Zentralstaates auch in den am Rande des Reiches gelegenen Gebiete der Alemannen und Bayern durchzusetzen.
714 folgte der gewaltige Hausmeier Karl Martell seinem Vater Pippin nach.
Es wurde eine grosszügige Reorganisation des Frankenreichs durchgeführt. Es kam im gesamten rechtsrheinischen Germanien zu einer staatskirchlichen Reform:

Die bestehenden Bistümer sollten reorganisiert, neue gegründet und ihre Sprengel gegeneinander abgegrenzt werden.

Der Klerus sollte in ausgesuchten Klöstern erzogen und geschult werden.

Seine bedenklich gesunkene Moral sollte gehoben, die noch vorhandenen Spuren des Heidentums ausgetilgt werden.

Zugleich sollte eine enge Verbindung der kirchlichen Organisation zum fränkischen Staat entstehen, die letzten Endes ihre einheitliche politische Ausrichtung zum Ziele hatte.



Im Jahre 723 hatte der Angelsachse Bonifatius von Karl Martell den Auftrag erhalten unter den Thüringern, Hessen, Ostfranken und Bayern zu wirken. Alemannien wird nie als Tätigkeitsgebiet von Bonifatius und seiner Genossen genannt; und doch kann es von jener politischreligiösen Reform nicht ausgenommen worden sein. Aber hier war einem andern als Bonifaz die gleiche Aufgabe übertragen worden: dem Abtbischof Pirmin.


Über die Herkunft Pirmins

Leider lässt sich das Leben des heiligen Pirmin heute weder in seinem Ablauf noch in den einzelnen persönlichen Zügen genau erkennen und festlegen. Auch über seine Herkunft wissen wir nichts Autenthisches. Hrabanus Maurus, der gelehrte Abt und Lehrer von Fulda, später Erzbischof von Mainz (gest.856), sagte hundert Jahre später in der von ihm verfassten Grabinschrift, Pirmin habe seine Heimat und sein Volk verlassen, um das Volk der Franken aufzusuchen; er ist also jedenfalls nicht Franke gewesen. Man nimmt an, dass Pirmin ein Westgote war, der durch den Einfall der
Araber aus seiner spanischen oder aquitanischen Heimat vertrieben wurde. Als neues Ergebnis sei festgehalten, dass Pirmins Missionsbüchlein, die Dicta Pirminii, keine Hinweise auf spanische Vorlagen und deswegen auf die spanische Herkunft seines Verfassers erbringt.
Nach der Hornbacher Pirminsvita des 9.Jahrhunderts hat Pirmin in Melcis Castellum, das ist in Meaux bei Paris, als Klosterbischof gelebt. Mit gutem Grunde kann jedenfalls angenommen werden, dass Pirmin hier, im Herzen des Frankenreiches, die folgenschwere Bekanntschaft mit Karl Martell gemacht hat.
Auf dem Lebenswege Pirmins gibt es nur wenige Daten, Ereignisse und Namen, die nicht durch andere Überlieferungen angegriffen werden könnten. Der Innsbrucker Johann Batist Bernstein schickte schon 1742 seinem Pirminsbüchlein voraus, was heute noch für uns und alle unsere Bemühungen gilt:
"Obwohlen vil alte Chronick- und Geschichtsschreiber des Heiligen Pirminii Leben, Tugend- und Wunderthaten verfasset, so ist doch keiner zu finden, welcher uns vollkommene Nachricht ertheilet hätte."



Pirmins Persönlichkeit

Über seine Persönlichkeit ein zuverlässiges Bild zu gewinnen, ist kaum möglich. Mit einiger Vorsicht lassen sich aber doch einige Züge erschliessen.
Zunächst fällt einmal die lange entscheidende Freundschaft mit Karl Martell auf. Durch rund zwei Jahrzehnte erscheint Pirmin als treuer Mitarbeiter des mächtigen Hausmeiers. Karl Martell war nach allem, was wir von ihm wissen, ein kühler Politiker, der sich nur wenig von Gefühlen leiten liess. Wenn er über einen so langen Zeitraum hinweg einem Manne die Treue hielt, muss dieser schon einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht haben.
Weniger harmonisch scheint Pirmins Zusammenarbeit mit anderen gewesen zu sein. Zu dem grossen Bonifatius ist er in keinen Kontakt geraten. Erst in den letzten Jahren seines Lebens wurde Pirmin von Bonifatius im Kloster Hornbach besucht. Offenbar hat eine gewisse Antipathie und eine starke Verschiedenheit der Methoden und Ansichten vorgelegen. So holte sich Bonifatius beispielsweise zuerst Sendung und Segen des Papstes und kümmerte sich um die weltlichen Würden und Pergamente weniger. Pirmin aber glaubte, dass zuerst der höchste Landesfürst seine Pläne besiegeln und bestätigen müsse. Beide aber handelten in dem lauteren Bestreben, dem Gottesreich zu dienen.

Auch sonst hat sich Pirmin mit den massgebenden Männern seiner Zeit selten vertragen. Sowohl die Reichenau als auch Murbach musste er wegen Konflikten mit den zuständigen Fürsten verlassen.
Pirmin war wohl eine ausgesprochene Führerpersönlichkeit, der es offenbar leicht gelang, die Menschen zu begeistern und mit seinen Idealen zu erfüllen. Der energische Reformer mit einer umfassenden Bildung muss als Prediger ungemein stark gewirkt haben, auf den einfachen und ungeschulten Mann ebenso wie auf den Gebildeten und Intellektuellen. Der hochintelligente Abt Tritemius rühmt ihn: "Pirmin war wegen seiner Gelehrsamkeit und Heiligkeit ein bewunderungswürdiger Diener Gottes."
Fast alle von ihm geplanten Gründungen, denen er ausnahmslos die Regel des heiligen Benedikt auf den Weg gab, haben sich gut entwickelt, vor allem Murbach in den Südvogesen und natürlich Reichenau, die zu bedeutenden Klosterstaaten heranwuchsen.
Die Früchte allerdings, die er gesät hat, scheint Pirmin nicht selbst geerntet zu haben. Pirmin starb am 3. November 753 als Abt des Klosters Hornbach in der Pfalz - ein bescheidenes Ende einer wahrhaft grossen Laufbahn.
Die Gebeine des Heiligen wurden in der Reformationszeit nach Innsbruck gebracht.


Der Wanderbischof Pirmin und Pfungen

Es besteht kein Zweifel, dass man in Pfungen doch wohl besondere Veranlassung hatte, Pirmin als Kirchenpatron zu wählen, denn Pirminspatrozinien sind äusserst selten und für unsere Gegend überhaupt nicht belegt. Der Historiker Hans Kläui berichtet in seinem Buch "Winterthur vor 1264, Neuer Zugriff der Franken": "...Noch zu Lebzeiten Gottfrieds (Herzog von Schwaben) - so berichtet der Reichenauer Mönch Gall Oeheim - kam der hl. Pirmin nach Pfungen, welchen Ort er als besonders fruchtbare Gegend dem von ihm gegründeten Kloster Reichenau schenkte. Wenn die Nachricht in dieser Form auch nicht zutrifft, so ist an einem Zusammenhang Pfungen - Pirmin - Reichenau nicht zu zweifeln.
Das vom Volksglauben umwobene "Pirminsbrünneli" an der Töss, die Tatsache, dass die Kirche von Pfungen vor der Reformation dem hl.Pirmin geweiht war, und schliesslich der alte Reichenauer Besitz in Pfungen, Neftenbach und Dättlikon reden eine deutliche Sprache, nur steht eben hinter all dem das alemannische Herzogshaus."

Der oben erwähnte Mönch Gallus Oehem war Chronist, und heute noch erweist er sich im allgemeinen als gut unterrichtet. Er berichtet unter anderem von einem Pirminskloster in Pfungen, das Watilo, der Sohn Herzog Gotfrids von Schwaben, gestiftet hat.
Es existiert eine Reihe von alten Dokumenten, die immer wieder auf eine Beziehung zwischen Pirmin und Pfungen hinweisen. Sie alle zu erwähnen würde aber den Rahmen dieser Kurzschrift sprengen.



Der Pirminsbrunnen

Im Jahre 1966 wurde von der damaligen Kirchenpflege eine "Pirminsforschungsgruppe" eingesetzt. Ihr gehörten an: Pfarrer Aloys von Euw, der Präsident der Kirchenpflege Paul Müller, der Lehrer und Historiker Eugen Ott und Ugo Poroli, Mitglied der Kirchenpflege. Trotz grosser Anstrengungen - Historiker, Gemeindepolitiker, ältere Einwohner in Pfungen wurden befragt, es wurde in Archiven gestöbert, man trieb Quellensrtudien und durchstreifte die Gegend - gelang es der Gruppe nicht, den sagenhaften Pirminsbrunnen zu lokalisieren. Offensichtlich musste es sich bei diesem "gegen die Töss quellenden Brünnelyn" um einen Seitenbach der Töss handeln.
In der Ortsgeschichte von Pfungen schreibt der Autor Heini Steiner allerdings, der Ortsname "Pirminiusbrünnlein" trete in allen Fischenz-Erteilungen seit 1327 als Bezeichnung der oberen Grenze der Fischenz des Gerichtsherren von Pfungen auf. Und der Name sei ebenfalls in einem Marchenplan aus dem Jahre 1642 eingetragen. Nur scheint dieser Plan heute nicht mehr zu existieren.
Auf der Gygerschen Karte von 1667 ist indessen ein weiteres "Pirminsbrünnlein" auszumachen, nämlich im Zytmoostälchen von Sonnenbühl. Ob sich der fromme Wanderer Pirmin wohl auch im entlegenen Kombergwald aufgehalten hatte? Jedenfalls ist zu bedenken, dass mancherorts reine Wasserquellen nach dem Brunnenheiligen benannt wurden, ohne dass der Gottesmann in näherer Beziehung zum Ort gestanden hätte.
Es scheint im übrigen, als habe sich nach seinem Tode ein richtiger Kult um Pirmin als Brunnenheiligen entwickelt.
In einem ausführlichen Bericht, fasste 1974 der Lokalhistoriker Eugen Ott alle Fakten zusammen, um den heutigen Stand der Forschung darzulegen. Eine seiner Feststellungen lautet: "Der Pirminsbrunnen existiert nicht mehr."

Der heilige Pirmin - Holzschnitt aus dem 15. Jh.



Die Pirmin - Legende

Unser Dorf Pfungen wurde mit einer Pirmin-Legende bedacht, einer Geschichte von schädlichen Pilzen, vergiftetem Vieh und der Hilflosigkeit der Bauern im Kampf gegen die teuflische Plage.
Einerseits ist die Legende nachzulesen im SJW-Heft Zürcher Wassersagen. Aber auch unser ehemaliger Pfarrer Aloys von Euw erzählt die Geschichte von den hartnäckigen Giftschwämmen und Pirmins wundertätigem Gebet lebendig und anschaulich in seinem köstlichen Buch Heilige Draufgänger.
Aus dieser Geschichte sei nur ein kurzer Abschnitt vorgestellt.
"...Da fiel dem Pirmin auf, wieviele Leute immer wieder über schädliche Schwämme klagten. In grossen Mengen wuchsen sie überall. Nicht nur das Vieh vergiftete sich daran. Auch die Kinder assen von den giftigen Pilzen.....Es war eine teuflische Plage.
Nur im Umkreis von Pirmins Hütte gab es nicht einen einzigen Giftschwamm. Der Gottesmann war aber schon mit schlimmeren Plagen fertig geworden. Er hatte ganze Gegenden von grausigem Gewürm und Ungeziefer befreit. Die Kraft seines Gebetes war auch jetzt wirksam. Er kniete lange vor seinem Kreuzstab neben der Quelle und rief zu Gott: "Du hast Gewalt über alles Böse, Schädliche, Zerstörende. Du kannst auch diese Giftplage von der Gegend nehmen und der bösen Saat des Teufels wehren. Zeige dich mächtig und als wahrer Gott, der helfen kann. Denn Wotan, Donar und Ziu sind nichts."
Da erfuhren die staunenden Bauern, dass der Gott ihres Pirmins wirklich Gebete erhörte. Die Giftschwämme verdorrten, und die Felder wurden frei von dem üblichen Gewächs. Jetzt wurde mancher Pirmins Freund und war auch bereit, der neuen Lehre zu vertrauen und von den alten Heidengöttern zu lassen.
Für die Entstehung dieser Legende gibt es vielleicht eine philologische Erklärung, tönt doch Pfungen ähnlich wie das lateinische Wort für Pilz, Schwamm...


Der Heilige Pirmin, Patron unserer Kirche

Auf Wunsch der ersten Kirchenpflege (nach der Annahme des Kantonalen Gesetzes über das Katholische Kirchenwesen im Juli 1963) und des Pfarrers Aloys von Euw sollte Pirminius, der bis zur Reformation der Schutzpatron der Kirche auf dem Burghügel war, gewissermassen wieder in Rechte und Grundherrschaft eingesetzt werden. Seither zeigt das Titelbild des gemeindeinternen Pfarrblattes Pirminius als Helfer gegen Schlangen. Bei dieser Darstellung handelt es sich um einen Holzschnitt aus einem Leben der Heiligen (Nürnberg, 1475)
Ein eindrucksvolles Gemälde im Münster von Mittelzell auf der Insel Reichenau aus dem Jahre 1624 zeigt den hl.Pirmin segnend über den See fahren. Vor ihm ergreifen hässliche Schlangen und allerlei Gewürm, Frösche und Kröten eiligst die Flucht. Diesem Gemälde steht eine Legende zu Grunde wonach Pirmin die Insel, die ihm ein reicher Grundherr aus der Bodenseegegend für die Gründung eines Kloster geschenkt hatte, zunächst das Eiland von giftigen Schlangen und greulichem Gewürm auf wunderbare Weise schlagartig befreite. Bisher hatte von den Einheimischen niemand gewagt sich dort niederzulassen.
Aufgrund dieser Legende wird unser Heiliger als Bischof, von Schlangen und anderem Kriechtier umgeben, dargestellt.


Zum Ausklang

Unter dem Namen "Dicta Pirminii" bewahrt man in der Handschriftensammlung der Stiftsbibliothek Einsiedeln ein wertvolles, kleines Büchlein aus dem Ende des achten Jahrhunderts. Es ist ein Leitfaden für die pastorale Arbeit, ein Katechismus für Getaufte, um christlichen Glauben und christliche Haltung "einzuwurzeln".


Das Missionsbüchlein des heiligen Pirmin schliesst mit folgenden Worten:


So wollen wir uns jetzt also bemühen, Brüder,
unser Leben zu bessern, um alles,
was wir Schlechtes gegen Gottes Gebot taten,
zu beweinen, zu bessern und nicht mehr weiter zu sündigen.
Wir wollen uns bewahren im guten Willen
und rechten Gedanken,
mit heiligen Worten und Werken,
im Schutz und in der Führung
unseres Herrn Jesus Christus,
der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt
und herrscht durch alle Ewigkeiten.
Amen



Auszüge aus der Broschüre "ST.PIRMINIUS, DER UNBEKANNTE "ZÜRCHER" HEILIGE" (zusammengestellt von Ugo Poroli, 1994)