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New Age aus christlicher Sicht

Noten für Nebadon

Anmerkungen zur Polemik um das Werk des Komponisten Karlheinz Stockhausen

("Materialdienst" der EZW, 62. Jg./Heft 7/99, S. 209-211)

Am Werk des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen (*1928) scheiden sich seit jeher die Geister. Dies hat inzwischen jedoch weniger mit der Musik als vielmehr mit den Inhalten und Gedanken zu tun, die mit ihr zum Ausdruck gebracht werden. Anfang der 70er Jahre öffnete sich Stockhausen diversen religiösen Traditionen und esoterischen Strömungen wie der Astrologie, der Theosophie oder der Neuoffenbarung Jakob Lorbers. Seitdem muß sich der Komponist immer wieder vorwerfen lassen, als Heilslehrer aufzutreten und seine Musik als Medium einer nebulösen Privatreligion einzusetzen. Dabei wird jedoch übersehen, daß schon die frühesten Werke einen religiösen Bezug aufweisen, wie etwa der "GESANG DER JÜNGLINGE" (1955/56), der sich an die Apokryphen zum Buch Daniel anlehnt.
Würde sich die Kritik einmal der Mühe unterziehen, die spirituellen Wurzeln der Kompositionen freizulegen, so liesse sich feststellen, daß das Gedankengut keinesfalls, wie oft implizit unterstellt, Ausdruck eines privat-individuellen Synkretismus´ ist. Dies gilt auch und in besonderem Maße für Stockhausens siebenteiligen Opernzyklus´ "LICHT", an dem er seit 1977 arbeitet und in dem der Erzengel Michael - laut Stockhausen der "Creator-Engel, der jetzt unser Universum lenkt" - eine der Hauptfiguren darstellt. Eine der wichtigsten Quellen für "LICHT" ist das in Europa kaum bekannte "Urantia"-Buch, das Stockhausen 1971 in den USA kennenlernte. Diese fast 2100 Seiten umfassende Kosmologie wurde erstmals im Jahre 1955 veröffentlicht. Möglicherweise stammt sie aus der Feder des amerikanischen Psychiaters William S. Sadler (1875-1969), der das Manuskript jedoch 1934 medial erhalten haben will. Auf den hochkomplexen Inhalt des Buches kann hier nur ansatzweise eingegangen werden. "Urantia" ist der von höher entwickelten außerirdischen Wesenheiten gewählte Name für die Erde. Diese ist Teil des lokalen Universums "Nebadon", das neben der Erde 10 Millionen bewohnte Welten umfaßt. Mit anderen Universen bildet Nebadon das Superuniversum "Orvonton" und das Zentraluniversum "Havona", in dessen Herz sich die "Insel des Paradieses" als Aufenthaltsort des Ewigen Gottes befindet. Der Erzengel Michael ist der Schöpfer und Herrscher Nebadons. Er ist "Creator"- oder auch "Paradiessohn", doch in der göttlichen Hierarchie erst an 611121. Stelle. Dennoch besitzt er für die Erde große Bedeutung, weil er sich in Form einer "Schenkung" ("bestowal") als Christ-Michael oder Jesus Christus inkarnierte. Jesus Christus ist aus Sicht des "Urantia"-Buches also nicht der, sondern ein Gottessohn. Zu zeigen, daß alle Menschen die Gotteskindschaft erlangen können, war Sinn der Mission Christ-Michaels, und nicht etwa das Opfer zur Sündenvergebung. Zwar wird auch der Christ-Michael des "Urantia"-Buches gekreuzigt, doch ist ein solches Opfer schon deshalb nicht nötig, weil der Mensch durch eine Art Seelenwanderung in immer höher entwickelten Wesen von selbst zur Göttlichkeit emporsteigen kann.

In Stockhausens "LICHT"-Zyklus finden sich einige Momente dieses Gedankengutes wieder. Darauf weist nicht nur das Michaelssymbol, das mit seinen drei blauen konzentrischen Kreisen an das Signet des "Urantia"-Buches erinnert. Auch für Stockhausen hat sich Michael, der "Meister unseres Universums", als Christus auf der Erde inkarniert. In einem Beitrag für den 22. Evangelischen Kirchentag (1987) zitierte der Komponist Passagen seiner Oper "DONNERSTAG aus LICHT", welche die "Verbindung von MICHAEL und CHRISTUS (...) deutlich" mache. Das Werk handelt von der Inkarnation Michaels als Mensch, seiner Kreuzigung, Himmelfahrt und Heimkehr. In einer Vision läßt Michael zum Schluß noch einmal seinen Erdenweg Revue passieren und singt dabei: "Ich - Geist vom Geiste MICHAEL - / bin Mensch geworden. / Ich wollte wissen, was es ist, ein Mensch zu sein (...)." Stockhausen schrieb dazu: "Diese VISION ist im Geiste CHRIST-MICHAELS komponiert, ihn als Vorbild sehend. (...) Ich kann nicht wie CHRIST-MICHAEL sein. Aber ich kann ihn als mein Vorbild und als ein Vorbild für alle gestalten, an seinem wunderbaren Schöpfungsprojekt mitwirken."

Als der "DONNERSTAG" als erster der nach den Wochentagen benannten "LICHT"-Teile 1981 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, reagierte die Kritik hilflos auf den Inhalt des Werkes. Entweder erging sie sich in waghalsigen Vergleichen mit Wagners "Ring" oder stürzte sich auf die Parallelen zwischen dem dargestellten Schicksal Michaels und der Biographie des Komponisten. Dies mündete schließlich in den Vowurf, Stockhausen stelle sich mit dem Erzengel auf eine Stufe (siehe "Der Spiegel" Nr. 44/1983). Herbert Glossner stellte im "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" (29.3.1981) wohl zu Recht fest: "Es ist eine Verlegenheit, die offenbar mit den mythischen, den kosmologischen, den religiösen Inhalten der Stockhausenschen Geistes- und Bilderwelt wenig anzufangen weiß."

Mittlerweile liegen bis auf den "MITTWOCH" und "SONNTAG" alle Teilopern vor, und an der Frontlage hat sich nur noch wenig geändert: Stockhausen ist von seinem kosmologischen Ansatz ebenso wenig abgerückt wie die Kritiker von ihren oft hämischen Kommentaren - "reichlich meschugge war der transzendentale Spuk von Anfang an", meint etwa "Spiegel"-Musikredakteur Klaus Umbach (Nr. 38/1996). Neu ist allenfalls die Tendenz, daß in wachsendem Maße diejenigen, die von Stockhausens Musik angesprochen werden, in die Kritik einbezogen werden, so als existiere eine Art Stockhausen-Gemeinde, die sich regelmäßig um ihn als eine Art Guru versammle. So behauptete Peter Hagmann in der "Neuen Zürcher Zeitung" (14./15.9.1996), daß man das Werk "nicht begreifen", sondern "bloss glauben und nachfolgen" könne.

Nichts liegt dem Komponisten nach eigenen Aussagen jedoch ferner: nicht um die Genese einer privaten Partikularreligion gehe es ihm, sondern um "die Entwirrung der Einzel-Religionen." Niemand dürfe sich "ausgeschlossen und bekämpft" fühlen, "weil er etwas anderes denkt oder einen anderen Lebenssinn hat. Es muß eine neue Religiosität entstehen." Dabei helfe die Musik, denn "wenn man ein musikalisches Kunstwerk tiefer begreift, versteht, erfaßt, wird man demütig und ein Gottesverehrer" ("esotera" Nr. 6/1991). Stockhausen ist mit diesem Anspruch sicher typisch für eine Zeit, in der die Elemente verschiedenster Glaubensrichtungen immer kompatibler zu werden scheinen. Daß sein Werk in den letzten Jahren vor allem in Deutschland auf stark wachsende Beliebtheit stößt und gerade bei Popmusikern - von den Beatles bis Björk - stets großes Interesse geweckt hat, mag hierin seine Ursache haben. Auch für die theologische Apologetik könnte seine für den ganzen Kosmos bestimmte, "astronische" Musik mit ihrem panreligiösen Anspruch eine Herausforderung sein. Billige Häme und Polemik hilft hier allerdings nicht weiter und trägt auch zum Verständnis Stockhausens und seiner Musik nichts bei.

Literatur:
Zum Werk Stockhausens siehe Michael Kurtz, "Stockhausen. Eine Biographie", Kassel 1988 sowie Stockhausens "Texte zur Musik" (zusammengestellt durch Christoph v. Blumröder), v.a. die Bände 7-10, Kürten 1998.
Zum "Urantia"-Buch siehe Bob Larson, "Das große Buch der Kulte", Marburg/Lahn 1992, S. 486ff. Informationen zu den "Urantia"-Organisationen in den USA finden sich im Internet unter http://www.urantia.org.

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 14.01.2000

Freitag, 14. Januar 2000

 
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