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Buddha, Bungee, BettgeschichtenEindrücke von einer Begegnung mit "Lama" Ole NydahlAm 29. September führte die Schweizer ökumenische Arbeitsgruppe "Neue religiöse Bewegungen" in Aarau ihre alljährliche Fortbildungstagung durch, diesmal zum Thema "Buddhismus - Erlösungsweg als Sektenfalle?". Höhepunkt der Veranstaltung war zweifellos der mit Spannung erwartete Auftritt von bzw. die Diskussion mit "Lama" Ole Nydahl, der wohl schillerndsten Figur im Spektrum des westlichen Buddhismus. Der Däne Nydahl (* 1941) lernte den tibetischen Buddhismus auf mehreren
Reisen durch Asien kennen und wurde nach eigenen Angaben von mehreren Lamas
unterrichtet. 1972 habe ihn der 16. Karmapa ermächtigt, im Westen Zentren der
Karma Kagyü-Linie aufzubauen. Den offiziellen Titel "Lama" habe er
Ende der achtziger Jahre von Künzig Shamar Rinpoche verliehen erhalten. In
Deutschland existieren heute 79 Zentren und Meditationsgruppen, weltweit soll
sich ihre Zahl auf 260 belaufen.
Nydahl entspricht keineswegs den landläufigen Erwartungen an das
Erscheinungsbild eines buddhistischen Lamas, sondern erinnert eher an den
Animateur eines Ferienclubs. Der gut gebaute und für sein Alter zweifellos
recht jung wirkende Nydahl zeigt sich denn auch nicht in roten Mönchsgewändern,
sondern kleidet sich "casual", in Aarau trug er T-Shirt und
Turnschuhe. Angesichts dieses "outfits" verwundert es kaum, dass der
"Lama" ein begeisterter Fan des Boxsports, des Bungeejumpings und
schneller Autos und Motorräder ist. Mit der sonst bei buddhistischen Würdenträgern
vermuteten Askese ist es bei Nydahl also nicht weit her, vor allem nicht auf
sexuellem Gebiet. Im Schweizer Fernsehsender "Tele 24" prahlte er mit
den angeblich 500 Frauen, die er im Bett gehabt habe, und auch bei seinem
Auftritt in Aarau stand die Beziehung zu seinen beiden Frauen gleich im
Mittelpunkt des Interesses: Nydahl hat eine "erste Frau", seine Gattin
Hannah, und eine "zweite Frau", die wesentlich jüngere Hamburgerin
Caty Hartung. Immerhin war diese in Aarau so ehrlich zuzugeben, dass sie keiner
Frau rate, sich auf solch eine "ménage à trois" einzulassen, denn es
sei nicht erstrebenswert, einen Mann teilen zu müssen.
Beide Frauen bilden zusammen mit einem polnischen Mitarbeiter Nydahls persönlichen
Stab, der dessen ruheloses Leben organisiert. Der dänische "Lama" hat
anscheinend keinen festen Wohnsitz, sondern ist praktisch ständig unterwegs.
Sein jährlicher Reiseplan sehe z.Zt. ungefähr so aus: "Tschechien -
Balkan - Polen: 1 ½ Monate, Mitteleuropa: 4 Monate, Ukraine - Rußland -
Sibirien - Baltikum: 2 Monate, Skandinavien: 2 Wochen, Australien - Neuseeland:
1 Monat, Südamerika - Mittelamerika: 1 Monat, Nordamerika: 1 Monat, der Rest:
Projekte, Post, Bücherschreiben. Urlaub: 3 Tage mit nahen Freunden auf sehr
schnellen Motorrädern durch die Alpen fahren." Auf die Frage einer
Seminarteilnehmerin, wann er bei solch einer Rastlosigkeit zu der im Buddhismus
so wichtigen Meditation komme, gestand "Lama Ole" ein, dass dies
bisweilen ein Problem sei, doch sei ein Teil von ihm immer bewusst. Diese
Antwort bestätigte mich in dem Verdacht, dass Nydahls bewusst ahistorischer
Buddhismus im Grunde ziemlich substanzlos ist, wobei dies durch rhetorische
Tricks und locker-flapsige Sprüche nicht ungeschickt kaschiert wird. Über die
Lehre und Inhalte, die der "Lama" vertritt, war deshalb nur sehr wenig
zu erfahren. Er erzählte zwar beispielsweise, dass er Leute segne, was der
Inhalt und Bedeutung dieses Segens sei, vermochte er aber nicht zu vermitteln.
Überhaupt wirkten Nydahls Antworten oft sehr gestanzt und pauschal.
Kritische Fragen musste sich Nydahl in Aarau vor allem wegen seiner bisweilen
rassistisch anmutenden Äusserungen gefallen lassen. So hatte er anlässlich
eines Auftritts in Zürich im Oktober 1998 in polemischer Weise Moslems
angegriffen. Diese Äusserungen, so seine Verteidigung, habe er als dänischer
Staatsbürger und nicht als Lama von sich gegeben. Ausserdem habe er so viele
wunderbare Frauen aus allen Rassen geliebt, dass man ihn schon deshalb
schwerlich als Rassisten bezeichnen könne. Das Aarauer Publikum reagierte mit
Gelächter (die Nydahl-Fans) bzw. Kopfschütteln (die übrigen
Seminarteilnehmer).
Fazit: Mit Ole Nydahl lässt sich durchaus ein kurzweiliger und sogar amüsanter
Nachmittag verbringen - über das tiefsinnige, oft auch komplizierte
Gedankensystem des Buddhismus erfährt man bei und von ihm jedoch herzlich
wenig. Vielleicht ist das aber gerade das Geheimnis seines Erfolges: "Lama
Ole" bietet einen gut verdaulichen Instant-Buddhismus für den oberflächlichen
westlichen Konsumenten von heute, der keine Lust auf ein strenges jahrelanges
Studium hat. Der Rest der Botschaft ist der Lifestyle-Lama als Medium seiner
selbst im besten McLuhan´schen Sinne. Kultiviert wird dabei meiner Ansicht nach
ganz bewusst das Image des heimatlosen Steppenwolfes und Frauenlieblings, das
vielleicht auch deshalb so viel Anziehungskraft ausübt, weil es die Sehnsüchte
vieler Menschen nach Freiheit (was immer das auch sein mag) reflektiert und
durch eine Art stellvertretendes Ausleben vielleicht sogar ein wenig befriedigt.
Christian Ruch, Zürich Quelle: Infosekten, 06.10.2000
Freitag, 6. Oktober 2000 |