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New Age aus christlicher Sicht

Karlheinz Stockhausen und die Rezeption von "The Urantia Book" (Chicago 1955) in LICHT. DIE SIEBEN TAGE DER WOCHE

Ein Beitrag von Dr. Markus Bandur (Freiburg/Brsg.) zum 75. Geburtstag des Komponisten am 22. August 2003

Jonathan Cott erwähnt in seinem Buch "Stockhausen. Conversations with the Composer", das auf Gesprächen aus dem Jahr 1971 basiert, folgende Begebenheit: Nach der Uraufführung der Dritten Region der HYMNEN für Orchester (1969) am 25. Februar 1971 in New York sei im Konzertsaal ein bärtiger Mann mit einem Schäferstock auf Karlheinz Stockhausen zugetreten, habe ihm ein Exemplar des Urantia Book gezeigt und ihn gebeten, "minister of sound transmission" zu sein. Weitere Details dieser Begegnung, die ebenfalls auf mündliche Aussagen Stockhausens zurückgehen, schildern Michael Kurtz und Gregg Wager. Demnach habe ihm jener ominöse Besucher namens "Andrew" für 20 Dollar ein Exemplar des Urantia Book verkauft. Privaten Mitteilungen aus dem Umkreis Stockhausens läßt sich entnehmen, daß dieses Buch zumindest um die Mitte der 1970er Jahre über längere Zeit Gegenstand intensiver mittäglicher Lesungen und Diskussionen in Stockhausens Kürtener Domizil gewesen ist. Und überliefert ist auch sein vehementes Eintreten für das Urantia Book bei seiner pädagogischen Tätigkeit sowie der Einfluß auf INORI: "Nach der Sommerpause 1974... begrüßte Stockhausen seine Studenten auf recht ungewöhnliche Weise: Er kommt herein, befördert das ´Urantia´-Buch mit einem schwungvollen Knall auf den Tisch und sagt: ´Wenn Sie weiterhin meine Schüler sein wollen, sollten Sie dies hier lesen!´ Nach diesem temperamentvollen Hinweis sprach Stockhausen mehrfach in seinen Seminaren über das ´Urantia´-Buch... Während seiner Arbeit an ´Inori´ war er auf das Buch gestoßen und hatte für die... bevorstehende Uraufführung einen Abschnitt des Buches, der die Bedeutung des Betens behandelt, für das Programmheft übersetzen lassen. (Der Text wurde schließlich doch nicht gedruckt, da die Urantia-Gesellschaft in Chicago den Abdruck nicht gestattete.)" Stockhausen äußerte sich beispielsweise in einem persönlichen Gespräch am 28.7.1999 in Kiel zum Urantia Book dahingehend, daß er nicht alles gelesen habe; was er aber gelesen habe, sei für ihn wahr.
Wohl die Kritik, Polemik und auch Häme, mit der Stockhausens kompositorische Entwicklung seit den späten 1960er Jahren bzw. seit der sogenannten Intuitiven Musik vielfach publizistisch begleitet wurde und die sich mit Entstehung des LICHT-Zyklus seit 1977 deutlich intensivierte, hat die unvoreingenommene Auseinandersetzung mit möglichen Einflüssen des Urantia Book auf LICHT lange Zeit verhindert, schien doch selbst Sympathisanten und Bewunderern von Stockhausens Schaffen die Gefahr zu groß, ihm mit einer expliziten Aufarbeitung von solchen Bezügen einen Bärendienst zu erweisen und den geläufigen Vorwürfen in Richtung Privatmythologie usw. durch Nennung dubioser, wenn nicht gar trüber Quellen Nahrung zu geben. Auch Stockhausen, der sich nicht nur über seine religiöse Einstellung, sondern auch im Blick auf theosophische, esoterische oder spirituelle Überzeugungen sowie über seine Lektüre etwa von Schriften Jakob Lorbers, Sri Aurobindos (bzw. Satprems), Helena Blavatskys oder Hazrat Inayat Khans stets freimütig und selbstbewußt äußerte, hat bislang die explizite Nennung des Buchtitels in seinen Schriften oder Partituren vermieden , ohne allerdings großes Gewicht darauf zu legen, offenkundige Spuren in Interviews und anderen Texten oder gar im Werk zu verwischen. Vorbereitet durch Christoph von Blumröders detaillierte Darstellung des religiösen und weltanschaulichen Hintergrunds von Stockhausens frühem Schaffen , die Akzente setzt für die mutige Einbeziehung vermeintlich irrationaler oder ideologischer Denkhaltungen in Untersuchungen von Musik nach 1950, erschien erst in jüngster Zeit mit Wagers zitierter Arbeit eine musikwissenschaftliche Dissertation, die der schon 1988 publizierten Andeutung von Michael Kurtz, das Urantia Book sei für LICHT eine "wichtige Quelle" , nachgeht und im Rahmen der spirituellen Hintergründe in Stockhausens kompositorischem Denken auch dem Urantia Book nähere Beachtung zukommen läßt . Der Autor verschweigt allerdings nicht, daß Stockhausen ihm gegenüber behauptet habe, "that Licht had nothing to do with the Urantia Book" .
Die Aura des Zwielichtigen und Geheimnisvollen, die das Urantia Book zu umgeben scheint (ungeachtet der leichten Zugänglichkeit des Textes durch die Verfügbarkeit im Buchhandel und im Internet), beruht im wesentlichen auf der ursprünglich kolportierten und bis heute mühsam und gegen viele Widerstände aufrechterhaltenen Entstehungsgeschichte bzw. dem daraus vehement abgeleiteten Anspruch, die letzte und finale ‘göttliche Enthüllung´ zu sein (so wird das Urantia Book von seinen Anhängern auch "the fifth revelation" genannt ). Der eigentümlich schillernde Charakter resultiert aber auch – gerade in Wechselwirkung mit der Legende seines Ursprungs – aus den inhaltlichen und je nach weltanschaulichem Standpunkt entweder einleuchtenden und überzeugenden oder aber ketzerischen, wenn nicht gar abstrusen Aussagen des Buches.
Was ist das Urantia Book, das im Text vereinzelt mit 1934 (S. 354 und 648) datiert ist und das erstmals 1955 in Chicago veröffentlicht wurde? Grundsätzlich beansprucht das Urantia Book, die Bibel sowie alle anderen religiösen Schriften zu korrigieren und zu ersetzen. Seiner Intention nach soll es – als Schrift durchaus christlich verstandener Glaubenshaltung und Tradition – sämtliche kanonischen und apokryphen Schriften gleich welcher Religion in ihrem Wahrheitscharakter und ihrer Gültigkeit ablösen, ohne diese jedoch in ihrer spirituellen Funktion zu tangieren oder gar bekämpfen zu wollen. Dabei bildet das Urantia Book zwar den Mittelpunkt und das einzige Produkt einer (für die Dauer des Copyrights gegründeten) Stiftung mit Sitz in Chicago, die die Übersetzungen, den Vertrieb sowie die Einhaltung der Rechte minutiös überwacht und Entstehung wie Verbreitung der Sekundärliteratur kontrolliert; das Buch ist jedoch nicht verknüpft mit festgelegten praktischen Lebensregeln, Riten oder gar mit der Zugehörigkeit zu einer exklusiven Gemeinschaft.
Die 2097 Seiten des Buches gliedern sich in vier große Teile, die in zunehmend ´mikroskopischer´ bzw. sich anthropozentrisch verengender Perspektive angeordnet sind: Abschnitt I behandelt "THE CENTRAL AND SUPERUNIVERSES", Abschnitt II nimmt "THE LOCAL UNIVERSE" bzw. das Universum, in dem sich auch die Erde befindet, in den Blick, Abschnitt III befaßt sich mit "THE HISTORY OF URANTIA", wobei Urantia die hier gewählte Bezeichnung der Erde darstellt, und Abschnitt IV widmet sich "THE LIFE AND TEACHINGS OF JESUS" (S. V ). Die vier Teile sind in 196 "Papers" (vgl. S. VII–XII) mit weiteren Unterabschnitten gegliedert (vgl. S. XIII–LXVI)). Ohne den Inhalt in diesem Rahmen auch nur ansatzweise mit Anspruch auf Vollständigkeit wiedergeben zu wollen, seien im Blick auf die in Rede stehende Verbindung mit LICHT schematisch und kursorisch die Schwerpunkte resümiert. Abschnitt I entwirft eine Kosmologie, die ausgehend von einem "Universal Father", eine komplexe und ausufernde himmlische Topographie und Hierarchie (im Sinne eines barocken Hofstaates mit Einschluß der mittelalterlichen Engelslehre) beschreibt, in dessen Mittelpunkt das durchaus anschaulich aufzufassende "Central Universe" steht, das von "Seven Superuniverses" umgeben ist. Abschnitt II behandelt die Hintergründe der Schaffung des ´lokalen Universums´, das die Erde enthält, und vermittelt einerseits den wiederum hierarchischen Aufbau der dafür verantwortlichen Wesen als auch die physikalischen Besonderheiten, die für dieses Gebilde spezifisch sind. Darüber hinaus beinhaltet dieser Teil die als "Lucifer Rebellion" (S. 601–620) bezeichnete Auseinandersetzung zwischen Michael und Luzifer, die diesen Schöpfungsvorgang begleitet und die mit der Thematik menschlicher Verantwortlichkeit, Schuld, Gerechtigkeit und Auflehnung/Widerstreit verbunden ist. Die ´Geschichte der Erde´ des dritten Teils umfaßt im weitesten Sinne die Entstehung der Arten, die Entwicklung der Menschheit, die Herausbildung der frühen Zivilisationen mit den Mechanismen der Heirat und der Staatenbildung sowie dem Aufkommen der Religionen; eingeschlossen sind spezifisch alttestamentarische Inhalte wie die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden. Der letzte und vierte Abschnitt schildert detailliert das Leben Jesu sowie die Inhalte seiner Verkündigung, wobei zum Teil auf Aussagen des Neuen Testaments zurückgegriffen wird, zum Teil aber auch neue Inhalte und Varianten hinzugefügt werden.
Der sprachliche Stil des Buches ist trotz mancher Umständlichkeiten und Redundanzen durchweg ´modern´ und sachlich gehalten und erinnert weniger an den archaisierenden (bzw. an den von der jeweiligen traditionellen nationalsprachlichen Bibel-Übersetzung vorgegebenen) Duktus vergleichbarer ´Verkündigungs´-Schriften als eher an die technizistische Erzählhaltung von Science-fiction-Literatur, die durch überpräzise Beschreibung die Glaubwürdigkeit des Erzählten steigern soll. Dem entspricht die intendierte und für die Wirkung des Buches mitverantwortliche Einbeziehung von im Blick auf die Entstehungszeit durchaus aktuellen geschichts-, natur-, sozial- und religionswissenschaftlichen Aussagen und Argumentationen in den Kontext der spirituellen Grundthematik. Die Aufhebung des Widerspruchs von religiösen Glaubenssätzen und naturwissenschaftlichem Weltbild, etwa die Entstehung der Erde oder die Existenz von Engeln und Geistwesen betreffend, muß geradezu als Leitmotiv des Urantia Book gesehen werden und bestimmt wesentlich den Charakter (und die Rezeption) des Buches. Die Darstellung bewegt sich dadurch inhaltlich einerseits auf der Ebene einer aktualisierten Traditionsfortschreibung und -zusammenführung, weist aber andererseits vor allem durch die angestrebte Übereinstimmung von religiösen und wissenschaftlichen Weltbildern eine nicht unbeträchtliche Verzerrung im Verhältnis zur kirchenchristlichen Sicht auf. Zusätzlich erfahren bestimmte Stellen der kanonisierten biblischen Überlieferung – zu nennen wäre hier insbesondere die theologische Bewertung des Kreuzigungstodes Jesu Christi – signifikante und provokante Veränderungen.
Aufmerksamkeit hat dieses Werk allerdings hauptsächlich erregt durch die Behauptung der dahinterstehenden "Urantia Foundation", die einzelnen "Papers" seien ´göttliche´ Botschaften, in der zweiten und dritten Dekade des 20. Jahrhunderts überbracht durch (am Ende der "Papers" namentlich genannte) Mitglieder bzw. Boten der himmlischen Mächte, und von einem ausgewählten Medium, dessen Identität unbedingt verborgen werden müsse, in Trance aufgezeichnet sowie später von einer Gruppe redigiert und – nach erfolgter Klärung unklarer oder schwer verständlicher Passagen durch Rücksprache via Medium – ergänzt. Um einen Eindruck nicht nur von der dadurch notwendigen fiktionalen Gestaltung des Textes zu geben, sondern auch um zu veranschaulichen, wie luzide das daraus resultierende Spiel mit dem (im Buch seinen Niederschlag findenden) zeitabhängigen Stand der Wissenschaft im Blick auf spätere Erkenntnisfortschritte berücksichtigt ist, sei aus dem Vorwort zitiert, übermittelt von einem "Orvonton Divine Counselor, Chief of the Corps of Superuniverse Personalities assigned to portray on Urantia truth concerning the Paradise Deities and the universe of universes":
It is exceedingly difficult to present enlarged concepts and advanced truth, in our endeavour to expand cosmic consciousness and enhance spiritual perception, when we are restricted to the use of a circumscribed language of the realm. But our mandate admonishes us to make every effort to convey our meanings by using the word symbols of the English tongue. We have been instructed to introduce new terms only when the concept to be portrayed finds no terminology in English which can be employed to convey such a new concept partially or even with more or less distortion of meaning (S. 1).
In formulating the succeeding presentations having to do with the portrayal of the character of the Universal Father and the nature of his Paradise assiciates, together with an attempted description of the perfect central universe and the encircling seven superuniverses we are to be guided by the mandate of the superuniverse rulers which directs that we shall, in all our efforts to reveal truth and co-ordinate essential knowledge, give preference to the highest existing human concepts pertaining to the subjects to be presented. We may resort to pure revelation only when the concept of presentation has no adequate previous expression by the human mind.
Successive planetary revelations of divine truth invariably embrace the highest existing concepts of spiritual values as a part of the new and enhanced co-ordination of planetary knowledge. Accordingly, in making these presentations about God and his universe associates, we have selected as the basis of these papers more than one thousand human concepts representing the highest and most advanced planetary knowledge of spiritual values and universe meanings. Wherein these human concepts, assembled from the God-knowing mortals of the past and the present, are inadequate to portray the truth as we are directed to reveal it, we will unhesitatingly supplement them, for this purpose drawing of the Paradise Deities and their transcendent residential universe.
We are fully cognizant of the difficulties of our assignement; we recognize the impossibility of fully translating the language of the concepts of divinity and eternity into the symbols of the language of the finite concepts of the mortal mind (S. 16 f.).
Versuche, die Autorschaft des Urantia Book zu klären, haben in jüngster Zeit ergeben, daß mit kaum noch zu bestreitender Wahrscheinlichkeit der seinerzeit angesehene Mediziner und Laienprediger William S. Sadler nicht nur – wie behauptet – die Texte des besagten Mediums aufgezeichnet und nach Gründung der Stiftung die Veröffentlichung initiierte, sondern in entscheidendem Maße für Inhalt, Form und Stil verantwortlich ist. Gleichzeitig wurde offenkundig, daß ein Großteil der Darstellung durchzogen ist mit nicht gekennzeichneten wörtlichen und paraphrasierten Übernahmen aus seriösen wissenschaftlichen Werken der Zeit, und hinsichtlich zahlreicher religiöser und spiritueller Aussagen geprägt ist von Überzeugungen der Seventh-Day Adventisten, deren Kirche Sadler – wie auch der wohl als Medium zumindest partiell mitwirkende Wilfred Custer Kellogg – angehörte .
Der Einfluß des Urantia Book auf LICHT bzw. auf Stockhausens Denken läßt sich auf mehreren Ebenen beobachten: So begegnen in der Partitur von LICHT zentrale Symbole und Namen des Urantia Book (das gilt auch für einzelne Elemente der Gestaltung der szenischen Uraufführungen, von denen anzunehmen ist, daß sie auf Anregung des Komponisten entstanden sind): Stockhausen greift etwa das Symbol des Urantia Book, drei blaue konzentrische Kreise , die sämtliche Publikationen der Urantia Foundation zieren, in der Partitur von MICHAELs HEIMKEHR (III. Akt vom DONNERSTAG aus LICHT, 1980) mit der Anweisung auf, daß am Ende des 7. Schattenspiels von VISION "zuerst 1 blauer Ring..., dann 2 ineinander, dann 3 ineinander" erscheinen sollen (vgl. Partitur, S. H III sowie S. Vis 15 f., wo ausdrücklich von "hellblauen" Ringen die Rede ist). Die ebenfalls in der Partitur abgedruckten Farbphotographien von FESTIVAL und VISION anläßlich der szenischen Uraufführung in Mailand 1981 zeigen die beteiligten Akteure zudem in Kostümen mit dem blauen Urantia-Symbol auf der Brust, das sich dadurch in diesem Kontext als Grundlage des blauen MICHAELs-Zeichen zu erkennen gibt. So vermag nicht zu überraschen, daß auch das von Stockhausen gewählte Zeichen LUZIFERS, ein schwarzer Punkt mit umgebendem roten Kreis auf weißem Hintergrund, als "Lucifer emblem" im Urantia Book beschrieben wird . Auch einige spezifische Wortschöpfungen des Urantia Book kehren in LICHT deutlich erkennbar wieder. Die Benennung "Nebadon", die das Urantia Book für das die Erde einschließende und vom "Creator Son Michael of Nebadon" verwaltete und geschaffene ´lokale Universum´ prägt , wird in MICHAELs JUGEND vom DONNERSTAG aus LICHT (Partitur S. E 21) vom Sopran in dem Ausruf "MICHAEL von NEBADON" aufgegriffen und somit die Michaels-Gestalt, die Stockhausen in Interviews auffälligerweise ausschließlich auf die zahlreichen europäischen Bezüge zurückführt, explizit mit dem im Urantia Book für die Gestaltung von ´Nebandon´ verantwortlichen Michael in Beziehung gebracht. Zudem sieht das Urantia Book entsprechend adventistischer Auffassung eine Identität von Erzengel Michael und Jesus Christus, die gleichfalls in der Anlage des DONNERSTAG ihre Umsetzung findet .
Zugleich läßt sich der thematische Aufriß von LICHT insgesamt, d. h. die Personenkonstellation und die Anlage des zugrundeliegenden Handlungsstrangs, als Umformung zentraler Abschnitte des Urantia Book begreifen, wobei insbesondere die oben erwähnte "Lucifer Rebellion" als Versuch einer umfassenden und bis in die Regionen des Schöpferischen reichende Darstellung des Sündenfalls sowie als Ausgangspunkt für die grundlegenden menschlichen Handlungsoptionen mitsamt ihren moralischen Konsequenzen den entscheidenden Anknüpfungspunkt für LICHT bildet. Die Protagonisten Michael und Luzifer sind hier wie dort die archetypischen Gegenspieler bei der Erschaffung der Erde und dem Experiment, aus Materie Geist zu machen, lassen sich aber sicherlich durchaus ohne Widersprüche auch aus Grundkonstellationen der christlichen Tradition ableiten. Allerdings wirkt sich in Stockhausens sprachlicher Vermittlung der Anlage von LICHT das spezifische Vokabular und der Erzählton des Urantia Book so auffallend aus, daß vermutet werden kann, daß diese Schrift hinsichtlich der Gesamtanlage von LICHT impulsgebend gewesen ist oder zumindest Stockhausens unterschiedliche Überlegungen thematisch gebündelt und in einen geeignet erscheinenden Bezugsrahmen für einen "Mythos von heute" gefaßt hat. Als Beispiel dafür seien neben den schon erwähnten Namen "Nebadon" und "Satania" nur die in seinen Texten häufig zu findenden Ausdrücke "Creator-Engel", "Paradiessöhne" oder "lokales Universum" sowie Urantia-spezifische Zahlenangaben , die Auffassung von Michael und Luzifer als "Brüder" oder der vergleichbare Erzählton umfassender Beschreibungen der Handlung von LICHT genannt .
Darüber hinaus lassen Stockhausens seit den 1950er Jahren veröffentlichte Positionen zu unterschiedlichen Themen – wie etwa zum Verhältnis von subjektiver Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung, der Funktion des Komponisten und der Musik, aber auch zum Aspekt einer integralen humanen und über alle Kirchen hinweg reichenden Religion bzw. eines "Bewußtseins vom universellen Geist Gottes" – stellenweise eine Verwandtschaft mit Auffassungen des Urantia Book bzw. William Sadlers erkennen, die den Einfluß des Urantia Book auf LICHT zumindest ansatzweise erklären können und auf deren weitere Untersuchung hier nur hingewiesen werden kann.
Stockhausens Darstellung, in LICHT sei "alles aus einem Kern entfaltet, thematisch und strukturell" , erlaubt vor diesem Hintergrund die Schlußfolgerung, daß neben den musikalischen Kern der Superformel die "Luzifer Rebellion" des Urantia Book als thematischer Nukleus tritt. Diese im Rahmen des Buches hinsichtlich der erzählerischen Einbindung in einen ´kosmischen´ Zusammenhang durchaus originäre und originelle Darstellung wie Interpretation des biblischen Sündenfallthemas liegt wohl als Handlungsrahmen der Anlage aller sieben Teile von LICHT zugrunde. Sie erfährt jedoch eine Verschleierung durch die nicht lineare, sondern inhaltlich an die Wochentagsbenennungen Montag bis Sonntag punktuell ansetzende Auslegung der Thematik, die sich des weiteren mittels assoziativer Strategien zu Bedeutungsfeldern anreichert, die den "Kern" artifiziell überformen. Daß die Deutlichkeit der Bezüge mit zunehmendem Fortschreiten der Arbeit an LICHT zurücktritt bzw. daß der zuerst komponierte Teil DONNERSTAG im Unterschied zu den folgenden Teilen in ungewöhnlich starkem Maße symbolische und thematische Elemente des Urantia Book aufweist, mag dabei mit einem Zurücktreten des Einflusses in Verbindung stehen.
© Markus Bandur, Freiburg/Brsg. 2003

Quelle: Infosekten, 21.08.2003

Donnerstag, 21. August 2003

 
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