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Gottesdienst mit dem Schwert   

Im Heiligen Land hat Jesus Nächstenliebe und Frieden gepredigt. Gut tausend Jahre später waren es seine Nachfolger leid, für die Verbreitung des rechten Glaubens nur zu beten. Und griffen zum Schwert. Die Geschichte der christlichen Ritterorden – oder: wie aus Mönchen Gotteskrieger wurden.

Sonntag
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Beitrag aus der katholischen Familienzeitschrift «Sonntag»
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von Christian Schenk

Man schreibt das Jahr 1129. In Troyes verabschiedet eine Versammlung der wichtigsten Kirchenvertreter Frankreichs das Regelwerk einer neuen geistlichen Ordensgemeinschaft. Nichts Aussergewöhnliches in jener Zeit. Die Kirche ist im Aufbruch: Keine zehn Jahre vorher hat man einer Gruppe junger Männer den Segen für eine strenge Klosterreform erteilt hatte. Als Zisterzienser machen diese Mönche nun in ganz Europa Furore und gründen Kloster um Kloster.
Nun also wieder eine Neugründung, diesmal ein Orden mit dem etwas umständlichen Namen „Pauperes commilitones Christi templique Salomonici“ und der Wirkungsstätte Jerusalem. Der päpstliche Legat unterzeichnet die 72 Paragraphen. Darin enthalten sind – wie üblich bei Mönchen – die Gebote der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit. Erzbischöfe und Äbte geben ihren Segen – „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“.
Was die Kirchenversammlung damit so selbstverständlich absegnete, war – zumindest aus heutiger Sicht – ein unerhörter Tabubruch. „Commilitones Christi – Kampfgefährten Christi“ steht im Namen der Gemeinschaft, die da aus der Taufe gehoben wurde, und das war durchaus Programm: „Gürtet euch und ergreift die Waffen im Eifer für Christi Namen“, heisst es im Prolog der Ordensregel. Beten und Arbeiten, wie all den bis dahin bekannten Mönchsbewegungen, war dieser Gemeinschaft nicht genug. Diese Ordensbrüder hielten künftig das Evangelium in der einen, das Schwert in der anderen Hand. Und damit wollten sie – so heisst es weiter – „kämpfen und kämpfen in alle Ewigkeit“.

Kinder der Kreuzzüge

Die martialischen Töne in der Ordenssatzung waren nicht aus der Luft gegriffen. Die Kirche hatte schon bald nach der Jahrtausendwende ein enges Bündnis mit der kriegerischen Gewalt geschlossen: 1095 war es der Papst höchstpersönlich, der zum Kreuzzug gegen die Sarazenen und zur Befreiung Jerusalems aufrief: „Der Herr bittet und ermahnt euch als Herolde Christi, dass ihr euch beeilt, dieses gemeine Gezücht (die Sarazenen) aus den von euren Brüdern bewohnten Gebieten zu verjagen.“ Der Aufruf von Urban II. fand einen gewaltigen Widerhall: Ein Ritterheer von gegen 50 000 Mann brach im folgenden Jahr ins Heilige Land auf. Jerusalem erreichte die auf einen Drittel dezimierte Truppe im Juli 1098 und richtete nach der Eroberung ein fürchterliches Blutbad an. Auch wenn die Kreuzfahrer fortan die Kontrolle über das Heilige Land behaupten und ein Königreich Jerusalem einrichten konnten, vollständig befriedet war das Gebiet nicht.
In diesem Klima des permanent schwelenden Krieges zwischen christlichen Abendland und islamischem Orient wuchs in Jerusalem die besagte Ordensgemeinschaft der „Kampfgefährten Christi“ heran. Bereits 1120 formierte sich die Gruppe aus anfänglich neun französischen Rittern zum bewaffneten Schutz der Jerusalempilger. Ihr Dienst war den Königen des Kreuzfahrerstaates willkommen, weshalb die Gemeinschaft an ihrem Hof residieren durfte. Und zwar direkt über dem Tempel, von dem man glaubte, König Salomon hätte ihn errichtet. Man nannte die Soldatenmönche deshalb schon bald nach ihrem Hauptsitz: Tempelritter oder schlicht Templer. Nach nur neun Jahren hatte sich die Institution derart bewährt, dass sie am Konzil von Troyes die kirchliche Anerkennung ihrer geistlich-militärischen Aufgabe erhielt. Derart legitimiert, wuchs aus der kleinen Truppe selbsternannter Pilger-Bodyguards ein schlagkräftiger Ritterorden und ein Prototyp von heiligen Kriegern, der zahlreiche Nachahmer finden sollte (siehe Kasten).

Der Skandal, der damals keiner war

Auch wenn es Historikern nicht ansteht, über vergangene Epochen zu Gericht zu sitzen: Was soll man von bewaffneten Amtsträgern einer Religion denken, deren Stifter elf Jahrhunderte zuvor just im selben Land Feindesliebe gepredigt und für seine Gewaltlosigkeit die Hinrichtung am Kreuz in Kauf genommen hatte? In der Kirche des Mittelalters schien dieser Widerspruch kaum jemanden zu stören. Die Rittermönche waren zu Vorzeigechristen avanciert. Und niemand sah darin einen Skandal. Erklärungen dafür gibt es einige:
Dass das Christentum kriegerische Gewalt nicht nur tolerierte, sondern geradezu propagierte, hatte zur Zeit der Entstehung der Tempelritter bereits Tradition. Schon der Kirchenvater Augustinus (354–430) hatte den Kriegsdienst aus christlicher Sicht gerechtfertigt: Kriege seien letztlich unumgänglich. Christen dürften sie dann führen, wenn sie „gerecht“ seien. Gerecht sei ein Krieg dann, wenn das Ziel eine Wiederherstellung der Rechtsordnung und ein Frieden mit den Besiegten sei. Ein gerechter Krieg dürfe nur von einer legitimen Regierung geführt werden und auch nur dann, wenn dem Waffengang eine Verletzung oder Bedrohung der Rechtsordnung vorausgehe.
Hatte im frühen Christentum noch striktes Gewaltverbot geherrscht, öffnete Augustinus den Christen mit seiner Theorie das Tor zur Waffenkammer – zumindest einen Spalt breit. Im Oströmischen Reich hatte man zur gleichen Zeit mehr Hemmungen, kriegerische Gewalt zu rechtfertigen. Basilius der Grosse (329–379), bedeutender Lehrer der Ostkirche, wollte Soldaten zwar nicht mit Mördern gleichsetzen, schlug aber immerhin vor, sie nach dem Kriegsdienst mindestens drei Jahre von der Kommunion auszuschliessen. Das Oströmische Reich blieb dann auch bedeutend zurückhaltender mit Angriffskriegen.
Anders im Westen. Hier schaltete sich die Kirche, eng verstrickt mit der staatlichen Macht, immer aktiver ins Kriegsgeschehen mit ein. Und sie sorgte dafür, dass sich Christen, die sich dabei die Hände blutig machten, keine Sorgen um ihr Seelenheil zu machen brauchten. Im Gegenteil: Papst Leo IV. erklärte im 9. Jahrhundert, wer zur Verteidigung der Kirche in einer Schlacht falle, erwerbe sich himmlische Lorbeeren. Papst Johannes VIII. doppelte nach, die Opfer eines heiligen Krieges seien Märtyrer. Und der Kreuzzugspapst Gregor VII. schliesslich versprach allen Kreuzfahrern den Sündenerlass, wenn sie im Kampf gegen die Ungläubigen fallen sollten.

Mächtiger Fürsprecher: Bernhard von Clairvaux

Von Augustinus’ Lehre vom Krieg als notwendigem Übel zur päpstlichen Doktrin vom Waffengang als Weg zum Seelenheil war es bereits ein gewagter Sprung. Aber noch nicht der letzte: Die eigentliche Seligsprechung des „gerechten“ Kriegshandwerks war eben den Ritterorden und, als deren Vorhut, den Templern vorbehalten. Bis dahin hatten die Päpste und Kirchenlehrer nur das Metier der Ritter moralisch aufgeputzt und es für ihre Zwecke nutzbar gemacht. Mit der Schaffung von Ritterorden, eigentlichen Soldatenmönchen, nahm die Kirche das Schwert letztlich aber in die eigene Hand.
Die Rechtfertigung für diese kirchliche Kriegerkaste kam diesmal nicht von einem Papst, sondern vom einflussreichsten Mönch des Mittelalters, Bernhard von Clairvaux (1090–1153). Der Zisterzienserabt war die treibende Kraft bei der Ausarbeitung der Ordensregel der Templer und ihr Fürsprecher am Konzil von Troyes. Ihm verdankten die Templer auch ein eigentliches Loblied auf ihren bewaffneten Gottesdienst („De laude novae militiae“). In seinem 1130 erschienenen Traktat preist er die seiner Meinung nach höchst gelungene Verschmelzung von Mönchtum und Ritterleben.
Man staunt, dass ausgerechnet ein Mönch dem christlichen Gotteskriegertum die letzte Weihe gibt – und erst noch einer des jungen Reformordens der Zisterzienser, der die Regeln des spätantiken Klostergründers Benedikt wieder besonders strikt umsetzte. Diese Regeln verpflichteten die Mönche im vierten Kapitel explizit dazu, die „Feinde zu lieben“ und „nicht Unrecht zu tun, vielmehr erlittenes geduldig zu ertragen“. Bernhard von Clairvaux hat sich diesen Regeln unterworfen – es bleibt sein Geheimnis, wie er gleichzeitig dafür plädieren konnte, dass der neu gegründete Ritterorden in Christi Namen inbrünstig das Schwert führen sollte. Wichtig war ihm als Werbetrommler für die Sache der Mönchssoldaten – und übrigens auch für weitere Kreuzzüge – vor allem eines: dass der damals allzu kriegslustige Ritterstand im Abendland sein Handwerk in den Dienst der Kirche stellte und es fern der Heimat für den Kampf um das Heilige Land einsetzte. Oder etwas salopper formuliert: Wenn man den übermütigen Rittern schon nicht Einhalt gebieten kann, so stecke man sie in eine Mönchskutte und gebe ihnen ein ehrenwertes Angriffsziel.

Blüte und Untergang der Templer

Bernhards Propaganda sollte Früchte tragen: Die Tempelritter verzeichneten regen Zulauf und zogen – moralisch gestärkt – schon 1129 in die Schlacht um Damaskus. Auch wenn diese Aktion in einem Fiasko enden sollte, den Aufschwung der Templer bremste sie nicht. Ihre Reihen wurden schnell wieder aufgefüllt, und ihre Mission fand gleichzeitig überall in Europa grosszügige Spender. Die Schenkungen derer, die vom neuen Kampforden begeistert waren, reichten von Pferden und Rüstungen bis zu ganzen Ländereien. Die Templer profitierten alsbald auch von päpstlichen Steuerprivilegien und Lizenzen zum Geldverleih. Ende des 12. Jahrhunderts stand der Templerorden in voller Blüte. Er fungierte als eigentliches stehendes Heer des Papstes im Heiligen Land. Gleichzeitig schossen die Niederlassungen des Ordens im Abendland wie Pilze aus dem Boden und generierten die Mittel, die die Truppen im Morgenland verschlangen. Die Zahl der Ordensmitglieder schätzt man auf gegen 15 000.
So kometenhaft wie sein Aufstieg verlief schliesslich auch der Niedergang des Templerordens. Eingeläutet wurde er 1291, als mit Akkon der letzte christliche Stützpunkt im Heiligen Land fiel und sich die Templer und die anderen Ritterorden ihrer eigentlichen Daseinsberechtigung beraubt sahen. Derart geschwächt, wurden die Tempelritter bald Opfer einer Intrige des französischen Königs Philipp IV., der es auf den Reichtum des Ordens abgesehen hatte. Seine Anführer wurden unter fadenscheinigen Anschuldigungen verhaftet, der Orden 1312 von Papst Clemens V. aufgelöst und sein letzter Grossmeister 1314 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Auch wenn andere geistliche Ritterorden sich bis in die Neuzeit retten konnten, das Ende der christlichen Kriegerkaste war damals schon besiegelt – bezeichnenderweise mit Gewalt.

Templer und Co.: Christliche Ritterorden

Hauptsächlich drei christliche Orden greifen im Mittelalter zu Rüstung und Schwert: Die Templer, die Johanniter und der Deutsche Orden. Sie – und zahlreiche kleinere Ritterorden – sind alle in der Zeit der Kreuzzüge entstanden. Sie verbinden mönchisches und ritterliches Ideal und gründen Ordenshäuser und Spitäler in ganz Europa. Nach dem Verlust von Palästina verlieren sie ihre Legitimation. Für den Templerorden bedeutet dies den Untergang (1312). Der Johanniterorden verlegt sich in der Folge vermehrt auf karitative Aufgaben und schafft sich eigene Territorien in Zypern und Malta (Malteserorden). Der Deutsche Orden verlegt sein Einsatzgebiet nach Preussen und unterwirft und missioniert das Ostseegebiet.

Buchtipps
  • Alain Demurger: Die Templer. C. H. Beck, 2005. 346 Seiten, Fr. 26.80.
  • Feliciano Novoa Portela: Ritterorden im Mittelalter. Konrad-Theiss-Verlag, 2006. 240 Seiten, Fr. 85.80.
  • Hubertus Halbfas: Das Christentum. Patmos-Verlag, 2004. 592 Seiten, Fr. 96.–.

Sonntag, 22.02.2008


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