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Glauben kontra Wissen? Ein Missverständnis   

Die neuste Ausgabe des christlichsozialen Magazins Treffpunkt der KAB thematisiert den Gegensatz von Glauben und Wissen. Dieser, hervorgegangen aus einer kirchengeschichtlich bedingten Verkürzung der Glaubensauffassung, basiert bis heute auf einem gründlichen Missverständnis im Umgang mit der Bibel. Christliche Wahrheit zeigt sich kaum in einem «Buchstabenglaube», sondern in gelebter Glaubenspraxis.

Von Theo Bühlmann

Im ersten Textbeitrag fasst Felix Senn, Studienleiter bei theologiekurse.ch in Zürich, die geschichtliche Entwicklung zusammen. Bereits in den ersten Jahrhunderten brachten gnostische Strömungen den christlichen Glauben in gefährliche Nähe zur richtigen und höchsten Erkenntnis. Zwar vermochte sich diese «Gnosis» in der kirchlichen Lehrentwicklung nicht durchzusetzen, aber um sich von Irrlehren abzugrenzen, verkürzte sich christlicher Glaube auf die wahre Lehre (Orthodoxie). Dies bedeutete eine einseitige Intellektualisierung des Glaubens und rief in der Neuzeit die Kritik der Wissenschaften hervor. Historische und naturwissenschaftliche Forschungen brachten die biblischen Zeugnisse in Bedrängnis.

Bekenntnis und Praxis
Glaube wurde als eine Art von Geheimwissen verstanden, das Menschen aus der biblischen Offenbarung und den kirchlichen Glaubenssätzen nicht verstehen, sondern nur annehmen können. Und damit erst entstand das Problem, dass so verstandenes «Glauben» den Erkenntnissen der Wissenschaft widerspricht. Felix Senn sieht darin eine massive Verengung, die erst im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) auch lehramtlich korrigiert wurde. «Denn in der Bibel liegen Glauben und Wissen auf zwei so verschiedenen Ebenen, dass sie nicht gegeneinander ausgespielt werden können.» Schon Augustinus (354-430) hatte in seinem Hauptwerk über die Dreifaltigkeit Gottes (De Trinitate) unterschieden zwischen dem Glaubensinhalt und dem Glaubensakt. Felix Senn betont, ein Christ sei durch das Glaubensbekenntnis allein noch nicht gläubig. Er ist es erst durch die Glaubenspraxis, durch das Gott gemässe Leben und Handeln im Alltag – persönlich, familiär und gesellschaftlich. «Glaube ist eine existenzielle Lebenshaltung, eine bestimmte («göttliche») Ausrichtung meines ganzen Lebens. Es ist die Perspektive des Reiches Gottes, die Option für ein Leben in Fülle aller Menschen und damit die Parteilichkeit für die Armen, die Schwachen und die Benachteiligten in unserem Lebensumfeld und in der ganzen Welt.»

Denkwürdiges Ergebnis
In dieser Sicht nun stehen Glaube und Wissen nicht in Konkurrenz. Und Felix Senn kommt zu einem dreifachen Ergebnis, das zu denken gibt: Ersten: Wer viel weiss, muss nicht weniger glauben. Glauben im grundlegenden Sinne müssen alle gleich viel: Jede und jeder soll daran arbeiten, sein Leben an der göttlich-biblischen Perspektive auszurichten. Glaube hat nichts zu tun mit Expertenwissen und intellektuellen Fähigkeiten. Er ist viel mehr inhaltlich eine ganz einfache Sache, die jedoch den ganzen Menschen in seiner Lebensgestaltung in die Pflicht nimmt und insofern existenziell höchst anspruchsvoll ist.
Zweitens: Wer viel weiss ÜBER den Glauben, glaubt noch lange nicht mehr. So ist Senn überzeugt, dass oft ganz einfache Gläubige viel mehr verstehen von Gott als viele gescheite Theologen, Pfarrer und als mancher Bischof – warum nicht? – da sie oft den Glauben existenziell viel vorbildlicher leben. Selbst Jesus hatte vom christlichen Bekenntnis und von den kirchlichen Dogmen noch keine Ahnung. Aber er nahm für den gelebten Glauben selbst die Schande des Kreuzes auf sich.
Drittens: Wer nichts weiss vom Glauben, kann schliesslich in Tat und Wahrheit vielleicht INTENSIVER glauben. Es ist möglich – und die Erfahrung belege das leider nicht selten: Es gibt Leute, die nie in die Kirche gehen, die vielleicht das Christentum nicht einmal kennen, ja allenfalls sogar mit Religion nichts zu tun haben wollen. Aber sie sind in ihrer Lebenshaltung und ihrem Handeln «gläubiger» als manche Kirchgänger, die jeden Sonntag das Glaubensbekenntnis sprechen.

Wahrheit zeigt sich im Leben
Viele ChristInnen sehen grosszügig darüber hinweg, dass die Bibel historisch und naturwissenschaftlich unkorrekte Angaben macht. Es gehe ihnen um eine tiefere Wahrheit. Dies erklärt Regula Grünenfelder, Dr. theol. Bildungsbeauftragte des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes, in ihrem Textbeitrag. Doch Bibelfundamentalisten – zumindest in den USA eine erstarkende und politisch einflussreiche Bewegung – würden alle Widersprüche in der Bibel glätten und beständen auf der einen, unteilbaren, göttlichen Wahrheit der Bibel. Sie halten daran fest, dass die Welt während einer einzigen Woche erschaffen wurde, dass die Frau aus der Rippe des Mannes stammt, dass die Todesstrafe gottgewollt ist, und Sklaverei ebenfalls.
Doch eigentlich hätten Menschen in einer komplex gewordenen Welt gelernt, verschiedene Arten von wahr und richtig zu unterscheiden. Für sie kann die Bibel in erster Linie als Glaubenszeugnis Wahrheit beanspruchen. Sie erzählt von Gotteserfahrungen und Gottesbildern verschiedenster Menschen in sehr unterschiedlichen Zeiten und Kulturen. Biblische Texte erheben gar nicht den Anspruch, logisch richtig oder einheitlich zu sein, erklärt Regula Grünenfelder, sondern sie wollen Menschen in die Glaubensgeschichte hineinweben. «Menschen sollen durch die Geschichten, Gedichte, Symbole und Gesetzestexte erfahren, dass sie dazugehören und sich für ein gott- und menschengemässes Zusammenleben öffnen.»
Grünenfelder macht darauf aufmerksam, in der Bibel und mit der Bibel werde auch Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt legitimiert. Von Befreiungstheologien sei deshalb zu lernen, dass es keinen unschuldigen Umgang mit der Bibel gibt. Gewisse Sätze können weder Herz noch Verstand als wahr durchgehen lassen. Der Zugang zur Bibel beginne im Leben, um erneuert dort wieder anzukommen: «Die Bibel ist Quelle des Trostes, der Sprache in Sprachlosigkeit, des Protests, der Wandlung und Heilung. Die Bibel ist eine Wegbegleiterin für zahllose Menschen vieler Generationen. Dies verleiht ihr Autorität und verlangt gleichzeitig nach einem aktiven Gespräch, denn der Bibel muss manchmal in ihrem eigenen Namen widersprochen werden. Die Wahrheit der Bibel zeigt sich im Leben: nicht immer richtig, kaum einmal in Hochglanz. Stolpernd oder tanzend bringen alltägliche Schritte des Lobens, der Liebe und der Gemeinschaft die Wahrheit der Bibel zum Leuchten.»

Existenzielle Lebenshaltung
Als er noch Religionsunterricht gab, hörte Thomas Markus Meier, heute Erwachsenenbildner der römisch-katholischen Kirche im Aargau, schon von Primarschülern: «Ach wissen Sie, mit der Bibel braucht man mir nicht zu kommen, ich denke da eher naturwissenschaftlich.» Und wer in die Kirchengeschichte blicke, erfahre, dass die Glaubensweitergabe nie selbstverständlich und der Umbruch schon immer da war. Heute sei schlicht der viel zitierte «Markt der Möglichkeiten» breiter. Und viele Menschen bleiben lieber suchend und fragend, statt sich nicht mit (einfachen) Antworten abspeisen zu lassen. Meier plädiert für einen kirchlichen Weg, wie ihn Papst Benedikt skizziert hat mit der Einordnung seines Jesus-Buches: Nämlich als einer Gesprächseinladung, wo auch Widerspruch erlaubt bleibt. Eine Kirche im Gespräch mit den heutigen Zeitgenossen (und Naturwissenschaften) hiesse, dass gleichwertige Partner ins Gespräch kommen. Ein solches Christentum würde sich auf den Weg machen, ohne hierarchisches Gefälle zwischen den Suchenden und solchen, die meinen, Wahrheiten verkündigen zu müssen. «Sie wäre eine Weggemeinschaft, wo gemeinsam um Fragen und Antworten gerungen wird. Wo versucht wird, eine gemeinsame Sprache zu sprechen – gemäss der Apostelgeschichte, welche bei den ersten ChristInnen von «Weg» spricht. Eine solche Kirche gäbe nicht einen Glauben vor, sondern einen Glauben auf: Für eine bessere, gerechtere und weiterentwickelte Welt.»

Das vierseitige Glaubensdossier des christlichsozialen Magazins Treffpunkt der KAB (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung der Schweiz) ist zu bestellen bei: Treffpunkt-Verlag, Postfach 1663, 8031 Zürich. Tel. 044 271 00 30, Mail: verbandkab-schweiz.ch, Internet: www.sozialinstitut-kab.ch

KAB-Sozialinstitut, 31.10.2007


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