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Jahrestagung IRAS COTIS: Gastfreundschaft - eine heilige Pflicht?   

Die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, IRAS COTIS, hat am Sonntag, 26. März in Biel ihre Jahrestagung durchgeführt. Rund 120 Angehörige verschiedener Religionen befassten sich mit dem Thema „Gastfreundschaft aus religiöser Sicht“.

Zu den Höhepunkten zählten die Referate „Gastfreundschaft in verschiedenen Kulturen weltweit“ von Christine Lienemann, Professorin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel, und „Die interreligiösen Begegnungen zwischen Gastfreundschaft und Feindschaft“ von Shafique Keshavjee, Schriftsteller und Professor an der theologischen Universität Genf. Mitorganisiert wurde die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Bieler Bildungsstelle Arbeitskreis für Zeitfragen sowie dem von ihr initiierten „Runden Tisch der Religionen Biel“ mit Vertreter der fünf Weltreligionen.

Gastfreundschaft in verschiedenen Kulturen weltweit

„Gastfreundschaft hat eine universale Bedeutung. Sie wird in allen Kulturen der Welt praktiziert“, sagte Christine Lienemann gleich zu Beginn ihres Referates. Die Professorin für Ökumene, Mission und interkulturelle Gegenwartsfragen an der Theologischen Fakultät der Universität Basel, ist auf ihren Studienreisen und Lehrtätigkeiten viel gereist. In Asien, Afrika oder Südamerika hat sie erfahren, wie unterschiedlich Gastfreundschaft in den verschiedenen Kulturen gelebt wird. „Für Afrikaner ist Gastfreundschaft das Herzstück ihrer Kultur, sogar wichtiger als die Religion“, erklärte Lienemann. „Trifft ein Gast ein, werden weder Aufwand noch Kosten gescheut und der ganze Tagesablauf nach ihm ausgerichtet“.

Trotz grossen Unterschieden zwischen den einzelnen Kulturen hat die Theologin zwei immer gleich bleibende Regeln festgestellt: 1. der Gastgeber schützt den Gast vor Hitze, Kälte, Raub und Angriffen auf Leib und Leben und gibt ihm Nahrung; 2. der Gast seinerseits verdankt die Gastfreundschaft durch ein Geschenk.
Weiter beleuchtete die Theologin Gastfreundschaft aus biblischer Sicht, machte einen historischen Rückblick zur griechisch-römischen Antike und betonte, wie häufig Gastfreundschaft im Neuen Testament erscheint. „Sie hat in der Entstehung von christlichen Gemeinden eine Schlüsselfunktion“, so Lienemann.

Als Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen informierte die Professorin, dass im ökumenischen Rat der Kirchen seit einiger Zeit über Gastfreundschaft als Leitbild für interreligiöse Beziehungen nachgedacht werde, sozusagen als Metapher für interreligiöse Begegnungen. „Den einen geht dieser Ansatz nicht weit genug, andere begrüssen jedoch die Gastfreundschaft als Alternative zum Bekehrungseifer im Kontext einer mulitreligiösen, bzw. konfessionslos gewordenen Gesellschaft.“ Zum Schluss ihrer Rede sagte Christine Lienemann, dass Gastfreundschaft in Situationen politischer oder religiöser Spannung auch ein Risiko bedeuten kann und dass dies manchmal grossen Mut erfordere. Ziel der Gastfreundschaft sei aber nie das Verschmelzen zu einer Einheitsreligion und –kultur.

Gastfreundschaft leben - Feindschaft besiegen

Auf Lienemann folgte Shafique Keshavjee, Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Genf. Seit mehr als 20 Jahren beteiligt sich der Bestsellerautor von „Der König, der Weise und der Narr. Der grosse Wettstreit der Religionen“ (das Buch wurde in mehr als 15 Sprachen übersetzt) am interreligiösen Dialog. Der französischsprachige Keshavjee ging in seiner Rede auf die Indo-germanischen Verwandtschaft der beiden Wörter Gast (hôte) und Geisel (otage) ein. Wie seine Vorgängerin betonte auch er die Ambivalenz der Gastfreundschaft.

„Alle Religionsgründer warnen in ihren Texten davor, Fremde aufzunehmen und fremde Praktiken auszuüben“, erklärte der der promovierte Religionswissenschaftler. Er erzählte von den Schwierigkeiten, die auftreten können, wenn im eigenen Gottesdienstraum andere Konfession oder gar andere Religion empfangen werden sollten. Weiter erläuterte er anhand Textbeispielen den hohen Stellenwert der Gastfreundschaft im Judentum, Christentum und im Islam. „Trotzdem sieht die gelebte Realität oft anders aus und entspricht nicht dem Ideal“, bedauerte Keshavjee.

Ferner sprach der Theologe über die Bedingung gelingender Gastfreundschaft. Als Hauptinitiant des Lausanner „l’Arzillier, ein Haus für den interreligiösen Dialog, hat Keshavjee selber zahlreiche Erfahrungen gesammelt und weiss, dass zunächst die Feindschaft überwunden werden muss. Das sei manchmal auch mit Schmerzen verbunden, sagte der Theologe und benutzte das Beispiel von Privilegien, welche die Mehrheit nun plötzlich mit sozialen und kulturellen Minderheiten teilen sollten. Aufgabe jeder christlicher Gemeinschaft sei es jedoch, auf andere Rücksicht zu nehmen. Zum Schluss hielt Shafique Keshavjee fest, dass das Zusammenleben mit anderen Kulturen und Religionen schön und bereichernd sein kann, dass es aber Sache jedes Einzelnen ist, Gastfreundschaft zu leben und die Feindschaft zu besiegen.

Gastfreundschaft in der Praxis

Wie stark soziale Verantwortung in der Gesellschaft verankert ist und wie sie konkret gelebt wird, wurde im zweiten Teil des Programms anhand verschiedener Institutionen gezeigt. Die Bielerin Fatima Simon stellte zum Beispiel „Mitten unter euch“ vor, ein 1993 in Zürich gestartetes Projekt des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Während sechs Monaten sind Kinder von Migration-Familien einmal pro Woche zu Gast bei einer Schweizer Familie. Im Gegenzug besuchen Schweizer Kinder ihre ausländische Gastfamilie. Seit 1999 haben sich in Biel bereits 350 Kinder an diesem erfolgreichen SRK-Projekt beteiligt.
Integration fördern, kulturelle Unterschiede und Werte bewusst machen, Gemeinsamkeiten entdecken und Vorurteile abbauen seien die Ziele dieses Migration-Projektes, so die Bieler Projektleiterin. Weiter präsentierten sich die Institutionen Tamilen-Treff, Bern, die Bieler Gassenküche sowie der Runde Tisch der Religionen, Biel, eine offene Plattform für alle religiösen Gemeinschaften. Der Runde Tisch der Religionen existiert seit dem Expojahr und habe sich für die Stadt Biel zu einem wertvollen Ansprechpartner in Religionsfragen entwickelt.

Abgeschlossen wurde die mit 120 Personen gute besuchte Veranstaltung interreligiös mit Segnungen in Anlehnung an ein tibetisches „Tsok“.

Die am Morgen durchgeführte Generalversammlung ging reibungslos über die Bühne. Die IRAS-COTIS-Mitglieder (Kirchen- und Religionsvertreter) haben Rechnung, Budget und Jahresplanung wurden einstimmig genehmigt.

Die von der Stiftung Weltethos konzipierte Ausstellung „Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos“ konnte im Vorfeld dieser Tagung nach Biel geholt werden. Die Ausstellung über die Welt der Religionen und ihre Bedeutung kann noch bis am 10. April auf dem Bieler Zentralplatz besichtigt werden.

Gastfreundschaft in den verschiedenen Religionen

In allen Religionen hat die Gastfreundschaft einen hohen Stellenwert, oft ist sie sogar Pflicht. Zu Zeiten als es weder Transportmittel, Hotels noch andere vergleichbare Unterkünfte gab, waren Reisende darauf angewiesen, dass sie überall Unterkunft, Verpflegung und allenfalls medizinische Pflege erhalten konnten.
Bahá’í:

Sie sehen die Welt als ein Land und die Menschheit als eine Familie. Darum gelten ihnen die Liebe zu Gott und die Gastfreundschaft als bedeutende Tugenden.

Buddhismus

Buddha lehrte die hohen Ideale des Friedens, der Gastfreundschaft und des Mitleids für alles, was lebt.

Christentum

Der Apostel Paulus rief dazu auf, Gastfreundschaft zu üben. Er schrieb, Bischöfe und Gemeindeglieder sollen untadelig und gastfrei sein. Im Matthäusevangelium wird der Gerechte daran erkannt, dass er Kranke gespeist, Nackte gekleidet und Fremde aufgenommen hat.

Hinduismus

Der Hindu-Katechismus fordert, dass Gäste wie Gott behandelt werden. Und das Buch Naladiyar warnt: Wer nicht teilt, geht nicht durchs Tor zu andern Welten ein.

Islam

Im Koran werden die Muslime zur Gastfreundschaft aufgerufen. Sie ist für die Dauer von drei Tage zu gewähren. Auch ein Ungläubiger soll aufgenommen und geschützt werden.

Judentum

Der Fremdling soll gemäss der Tora nicht bedrückt werden. Die Pflicht, den Gast würdig zu behandeln, geht so weit, dass die Missachtung dieses Gebots als todeswürdiges Verbrechen betrachtet wird. Für einen Juden heute ist es Pflicht, Gastfreundschaft in seinem Heim zu gewähren.

Für weitere Auskünfte
Heinz Haab
IRAS COTIS
Tel: 061 361 59 81 / 079 755 55 18
E-Mail: heinz.haabiras-cotis.ch

Liliane Lanève-Gujer
Arbeitskreis für Zeitfragen
Tel: 032 322 36 91
E-Mail: zeitfragen.gesellschaftref-bielbienne.ch

IRAS COTIS

Die interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz (IRAS COTIS) wurde 1992 als Verein gegründet. Sie setzt sich ein für Respekt und Toleranz zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften, fördert Begegnungen und will allfällige Ängste und Vorurteile abbauen. Gleichzeitig will sie die religiösen Gemeinschaften so beraten, dass ihre Bedürfnisse von politischen und kirchlichen Behörden verstanden und ernst genommen werden. Die jährliche Tagung mit Referenten und Gäste verschiedener Religionen und Kulturen wird jeweils in einer anderen Schweizer Stadt durchgeführt.

Arbeitskreis für Zeitfragen

Der Arbeitskreis für Zeitfragen ist die Bildungsstelle der evangelisch-
reformierten Gesamtkirchgemeinde Biel. Er befasst sich mit Gegenwartsfragen und nimmt Stellung zu politischen und gesellschaftlichen Fragen.

Gastbeitrag, 27.03.2006


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