Das Wunder von Dresden – der Dom aus dem Trümmerhaufen
Sechzig Jahre lang war die Ruine der Frauenkirche in Dresden ein düsteres Mahnmal des Krieges. Aus dem Trümmerhaufen ist der Dom wieder emporgewachsen. Ein Wunderwerk, zu dem auch Schweizer beigetragen haben

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Beitrag aus der katholischen Familienzeitschrift «Sonntag»
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dersonntag.chWiedergutmachung
Eine fast unglaubliche Geschichte ist damit wahr geworden, ein Traum, der am 24. November 1989 in der Dresdner Wohnung des Kunsthändlers Heinz Miesch Gestalt annahm. In der Wendeeuphorie trafen sich dort Architekten, Pfarrer und Historiker und schmiedeten den Plan, die Frauenkirche nicht als Trümmerhaufen und Mahnmal zu belassen, sondern dem Schuttberg aus 22 000 Kubikmeter Sand und Steinen, geschmolzenem Glas und Metall wieder Leben einzuhauchen. Das war die Idee, aus der eine Bürgerinitiative erwuchs.
Dresdens Dom der Protestanten ist in seiner äusseren Gestalt nun fast fertig. Merkwürdig fleckenhaft ist das Gotteshaus: eine Folge der Trümmersteine, die in den Bau eingefügt wurden, exakt an den Stellen, an denen sie sich einst befanden. Ein aufwühlender Anblick ist dies auch für den Engländer Alan Smith, den 57-jährigen Kunstschmied aus London, der das Kuppelkreuz gefertigt hat. Alan Smith ist der Sohn von Frank Smith, der als Bomberpilot am 13. Februar 1945 die Stadt in Schutt und Asche legte und dabei Tausende tötete, darunter viele Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreussen, die vor der anrückenden Armee in die Residenzstadt geflohen waren. Mit der Anfertigung des Kuppelkreuzes wolle er seinen Teil zur Wiedergutmachung beitragen.
Hilfe aus der Schweiz
Es gibt viele Geschichten, die der von Alan Smith ähneln. Geschichten von Menschen, die sich anstecken liessen vom Anliegen, persönlich etwas zu einem ausserordentlichen Versöhnungswerk beizutragen. Geschichten von Menschen, die den Anblick der einstigen Ruine nicht ertrugen und die halfen, dass aus einzelnen Summen ein regelrechter Spendenstrom erwuchs. In England, den USA, Frankreich und – in der Schweiz. Auch der Aargauer Peter Rinderknecht verfolgte das Schicksal der Dresdner Frauenkirche seit Jahren. Ein Grund für das Interesse des 81-Jährigen an diesem Bauwerk findet sich in der Familiengeschichte. Rinderknechts Gattin ist als Pfarrerstochter in Speyer aufgewachsen. Ihre Schwester reiste häufig zu DDR-Kirchentagen, wo sie den Dresdner Pfarrer Karl-Ludwig Hoch kennen lernte.
Es war an einem der Besuche bei Pfarrer Hoch, als Rinderknecht die Frauenkirche zum ersten Mal sah. „Den ersten Anblick werde ich nie vergessen“, erinnert er sich. Die zwei angekohlten Stümpfe, die Reste von dem, was einmal in einem Atemzug mit dem Petersdom in Rom genannt wurde. Von Pfarrer Hoch vernahm Rinderknecht, wie sich dort jeweils zum 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung, gegen Ende der achtziger Jahre der lautlose Protest gegen das DDR-Regime zu formieren begann. Es war schliesslich sein Freund Pfarrer Karl-Ludwig, der mit dem von ihm verfassten „Ruf aus Dresden“ die Initialzündung für den Wiederaufbau der Frauenkirche gegeben hatte. Rinderknecht: „Dieser Ruf wurde auch bei uns gehört.“ Vor vier Jahren hob er den Verein „Schweizer Freunde der Frauenkirche Dresden“ aus der Taufe.
Kritik und Versöhnung
Rinderknecht gehört zu den vielen, die alle Etappen des Wiederaufbaus akribisch verfolgt haben: Wie 1993 der Hochaltar aufgefunden und 1996 in der Unterkirche der erste Gottesdienst gefeiert wurde; wie alte schrundige Blöcke neben neu erschaffene gesetzt wurden; wie das Wasser der Flut vom August 2003 dem Hauptschiff der Frauenkirche schon bis zum Kragen reichte; wie sich im Laufe der Zeit die Haltung zum Wiederaufbau der Frauenkirche geändert hatte. Pikant: Ausgerechnet aus Kirchenkreisen waren viele der Meinung, dass die Ruine, die offene Wunde, das bessere Erinnerungs- und Versöhnungszeichen gewesen wäre als der Wiederaufbau. Für Kritiker hat die Wiederherstellung eines alten Baues, an dem fast alles neu ist, etwas Fragwürdiges. Besänftigen dürfte sie der Umstand, dass in der Unterkirche, einem Provisorium, schon eine erstaunlich lebendige Gemeinde herangewachsen ist.
Auch dem Architekten Eberhard Burger ist noch jede Bauetappe bildlich im Kopf präsent. Die Riesenregale etwa, auf denen angekohlte Quader und Figuren darauf warteten, an den Ursprungsort eingefügt zu werden. Torsi, geschunden, geschwärzt, mit rauen, ausgeglühten Oberflächen. Wer verweilte, glaubte die Steine sprechen zu hören. Hier war jenes Dresden zu sehen, von dem der greise Gerhart Hauptmann einst schrieb, er habe bei seinem Anblick „wieder das Weinen gelernt“. Wer sich diese Momente vergegenwärtigt, weiss um die Bedeutung der Frauenkirche. Sie steht heute für so vieles: als Kriegsmahnmal und Symbol für völkerübergreifende Versöhnung; für das Vermögen einer Gesellschaft, sich mit sich selbst zu versöhnen, sich aus Zerknirschung und Resignation zu befreien und sich einer immensen Herausforderung zu stellen. Eberhard Burger teilt die Meinung von Pfarrer Hoch, der sagt: „Der Wiederaufbau der Frauenkirche ist kein Dresdner Projekt, auch kein deutsches Projekt, es ist ein Weltprojekt.“
Text und Fotos: Vera Rüttimann
Sonntag
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