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Mit "Theopoesie" gegen den religiösen Analphabetismus   

Interview mit Dorothee Sölle, evangelische Theologin

"Es ist falsch, wenn die religiöse Sprache zur Angelegenheit von Spezialisten gemacht wird", meint die bekannte evangelische Theologin Dorothee Sölle (70). Eine wesentliche Ursache des wachsenden religiösen Analphabetismus liege darin, dass die christlichen Kirchen die Menschen oft als Unmündige behandelt habe. Notwendig sei heute eine neue "Theopoesie", in der auch Laien ihre religiösen Sehnsüchte und Wünsche zum Ausdruck bringen, ist Dorothee Sölle überzeugt.

Kipa: Frau Sölle, als Theologin und Germanistin haben Sie sich immer wieder intensiv mit Religion und Sprache auseinandergesetzt. Wo sehen die Ursachen dafür, dass sich in unserer Gesellschaft der "religiöse Analphabetismus" ausbreitet und offenbar immer mehr Menschen die religiöse Sprache verloren haben?

Dorothee Sölle: Es gibt sicher eine ganze Reihe von Ursachen für diese Entwicklung. Eine davon ist sicher die, dass die christlichen Kirchen die Menschen oft als Unmündige behandelt haben. Demgegenüber ist es für mich eindrücklich zu entdecken, dass Kinder in ihrer sehr unbefangenen und alltäglichen Sprache oft viel besser ausdrücken können, was mit Transzendenz gemeint ist.

Kipa: Haben Sie ein Beispiel?

Sölle: Ein unvergessliches Erlebnis hatte ich einmal mit einer Enkelin von mir. Als sie bei uns zu Besuch war, räumte sie uns alle Tassen aus dem Schrank, richtete ein Café ein und lud viele Gäste ein, die nicht sichtbar waren. Sie schenkte diesen Kaffee ein und war ganz vergnügt dabei. Nach einiger Zeit sagte ihre Mutter: "Du musst jetzt aufhören und aufräumen, denn wir wollen gleich essen." Und daraufhin sagte das Kind: "Mama, du denkst immer nur in echt!"

Dieser Satz meiner Enkelin ist mir derart aufgefallen, dass ich mir dachte: Eigentlich denke ich meistens gar nicht "in echt", sondern in Gott oder Transzendenz oder wie es anders sein könnte...

Kipa: Heisst das, dass die Erwachsenen die verlorene religiöse Sprache gerade von den Kindern wieder lernen könnten?

Sölle: Ja, das glaube ich. Die Welt der Erwachsenen ist geprägt durch eine fatale Ausschliesslichkeit, die Fixierung auf das Faktische, die zu einer gefährlichen Grundhaltung führen kann: "So ist es eben

da kann man ja sowieso nichts machen." Solche Aussagen sind zerstörerisch und lebensfeindlich. Denn sie sind letztlich falsch: Natürlich kann man etwas tun, damit weniger Kinder verhungern!

Kipa: Sie sagten einmal, dass wir in einer Welt leben, in der die "Sprache des Habens" die "Sprache des Seins" verdrängt habe. Was meinen Sie damit?

Sölle: In einer Sprachwelt, die vom Konsumismus beherrscht wird, können wir uns nur in den Kategorien des Habens ausdrücken. Unser Verhältnis zur Welt ist von den wichtigsten Götzen, die unsere Kultur anbetet, definiert: Geld und Gewalt. Das bedeutet sprachlich, das viele Menschen in eine merkwürdige Hilflosigkeit geraten allem gegenüber, was nicht erworben, besorgt, angeschafft, erobert, in Besitz genommen, kontrolliert und vermarktet werden kann. Wenn die Sprache aber nur noch dazu da ist, alles in einen Deal zu verwandeln

"ich geb dir was und du gibst mir was" dann wird die Welt letztlich hoffnungslos.

Kipa: Was würde es konkret heissen, sich vermehrt der "Sprache des Seins" zu widmen?

Sölle: Die Sprache des Seins ist genährt von Poesie und Gebet. Wo immer wir selber der Herrschaftssprache entkommen und eine andere Sprache versuchen, das heisst sie hören, verstehen und sprechen lernen, da ist die Sprachschöpfung, das Neuwerden von Sprache eine Quelle der Kraft, eine Ermutigung, die weit über analytisch-kritische Erkenntnis hinaus geht.

Kipa: Leidet aber nicht auch die Theologie heute darunter, dass sie sich vielleicht zu sehr auf eine wissenschaftlich-analytische Sprache versteift hat?

Sölle: Ja. Vor allem die protestantische Theologie hat sich weithin an die Wissenschaftssprache angepasst. Das habe ich zwar zunächst auch als eine Befreiung erfahren: Ich selber stammte aus einem nicht-christlichen Elternhaus und lernte durch eine Lehrerin, die vom grossen evangelischen Theologen Rudolf Bultmann her kam, dass ich meinen Verstand nicht an der Kirchentür abgeben muss. Das hat mir damals zweifellos geholfen, doch heute merke ich auch, dass eine einseitig wissenschaftlich ausgerichtete Theologensprache nicht ausreicht.

Kipa: Sie betonen in diesem Zusammenhang, dass die "Theo-logie" durch eine "Theo-poesie" ergänzt werden müsse. Was heisst das konkret?

Sölle: Ich meine, dass grosse Theologie in der Vergangenheit immer auch das Erzählen und Beten geübt hat. Heute treffen wir aber oft auf eine poesielose Theologie: Was wissenschaftlich festgestellt ist, hat Vorrang vor dem, was wünschbar oder träumbar wäre Glaube, Hoffnung und Liebe. Es ist falsch, wenn die religiöse Sprache zur Angelegenheit von Spezialisten gemacht wird, die sieben Jahre lang alte Sprachen und Philosophie studiert haben müssen.

Kipa: Inwiefern unterscheidet sich die Theopoesie von der herkömmlichen Theologie?

Sölle: "Theopoesie", wie ich sie verstehe, wird wesentlich von Laiinnen und Laien mitgeprägt, die mitdenken und mitfühlen und ihre religiösen Sehnsüchte und Wünsche in einer alltäglichen Sprache zum Ausdruck bringen. Die Sprache der Theopoesie wird dadurch denn auch viel lebendiger.

Deshalb wäre es wichtig, dass die Kirche die Menschen an der Basis ermutigt, ihre eigene religiöse Sprache zu finden und nicht nur die vorgegebene zu reproduzieren. Sie müsste sie noch verstärkt einbeziehen in den Prozess dessen, was Liturgie, was Beten heisst. Und vor allem wäre diese neue Sprache ganzheitlicher sie spricht nicht nur den Verstand, sondern auch die Gefühle der Menschen an.

Kipa: Hat diesbezüglich die katholische Kirche mit ihrem ganzheitlicheren Ansatz etwa in der Liturgie nicht einen Vorsprung gegenüber den tendenziell eher "verkopften" Gottesdiensten der Reformierten ?

Sölle: Ja. Die Sinnlichkeit ist aus dem Protestantismus auf eine Weise ausgetrieben worden, dass schon das Anzünden von Kerzen in die Nähe des Götzendienstes gerückt wurde. Der Katholizismus hat insgesamt immer mehr Sinn für mystische Erfahrungen und mystisches Glauben gehabt. Von den Scholastikern kennen wir in diesem Zusammenhang eine grossartige Definition dessen, was Mystik ist: Es handelt sich hier um die Erkenntnis Gottes aus der Erfahrung und nicht nur aus der Schrift oder aus der Kirche. Dass Gott dadurch zu sehr verkleinert würde, stimmt für mich nicht. Die Bibel lehrt uns klar, dass Gott "grösser ist als unser Herz" und bestimmt ist er auch grösser als unser Verstand.

Kipa: Das heisst, dass sich Theologie und Kirche wieder vermehrt an den Erfahrungen der Menschen orientieren müssten?

Sölle: Natürlich! Die Erfahrungen der Menschen aus dem Alltag, ihr Glücksgefühl und ihre religiösen Wünsche müssten unbedingt stärker integriert werden. Gerade das Existentielle wirklicher Theologie geht im Wissenschaftsbetrieb oft zugrunde. Demgegenüber ist die Theopoesie in Beziehung zu setzen zu "Erzählung" und "Gebet" als alternative Formen theologischer Aussage, die auch die existentiellen Erfahrungen einbeziehen.

Die stärkste Sprache der Religion war stets das Gebet. Bereits Simone Weil hat das Gebet als die höchste Stufe der Aufmerksamkeit beschrieben. Und der deutsche Dichter Jean Paul hat einmal treffend gesagt: "Beten ist Wünschen, nur feuriger."

Kipa: Für viele Menschen ist das Beten heute allerdings eine private Angelegenheit, über die sie meist nicht öffentlich sprechen wollen...

Sölle: Leider ist diese Vorstellung weit verbreitet. Die Theopoesie allerdings räumt mit dem Vorurteil auf, dass Gebet etwas Privates, Unveröffentlichbares sei. Wenn Menschen zusammen beten, dann haben sie sich das gemeinsame Wünschen, Hoffen und Träumen wieder erlaubt, dann finden sie die verlorene Sprache wieder, um das, was sie empfinden, miteinander zu teilen. Poesie und Gebet sind Versuche, so zu reden, dass die Trennungen von öffentlich und privat, von aussen und innen, sich tatsächlich erübrigen und keine Rolle mehr spielen.

Kipa: Hängt die Schwierigkeit mit dem Beten womöglich mit dem verbreiteten Irrtum zusammen, dass es für einen "aufgeklärten" Menschen gar nicht möglich sei zu beten?

Sölle: Das kann sein obwohl ich diese Haltung als etwas naiv empfinde. Wenn wir uns mit der wachsenden Barbarei in der heutigen Welt konfrontieren, merken wir bald: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir unsere Probleme allein mit Aufklärung und Vernunft lösen könnten. Auch die Bibel und insbesondere die hebräische Bibel ist voller Gebete und Anklagen an Gott. Und gerade Hiob, ein durch und durch aufgeklärter Mensch, geht nicht davon aus, dass Gott im Himmel "auf einen Knopf drücken kann und dann ist alles wieder gut". Auch in den Psalmen finden wir eine Art von Gebet, die keineswegs nur demutsvoll ergriffen ist, sondern auch in Klage und Zorn gegen Gott einmünden kann. Und diese Leidenschaft der Empörung gehört zu einer lebendigen Gottesbeziehung, meine ich.

Kipa: Sind also die Gebete in unseren Kirchen zu zahm geworden? Oder anders gefragt: Wäre die Form der erwähnten alttestamentlichen Klagen nicht auch notwendig, um das Theodizeeproblem heute sprachlich zu bewältigen?

Sölle: Mit dieser Frage habe ich persönlich lange gerungen und mir damit auch einigen Ärger eingehandelt: beispielsweise mit meiner "Theologie nach dem Tode Gottes". Inzwischen ist für mich auch mit der Hilfe der Frauentheologie immer klarer geworden, dass das eigentliche theologische Problem letztlich in der falschen Annahme der Allmacht Gottes liegt. Ich meine, dass die Omnipotenz wohl nicht der richtig Begriff ist. Denn Gott braucht Freundinnen und Freunde, wenn er in dieser Welt irgend etwas ändern will. Wenn ich als Deutsche frage, warum denn Gott Auschwitz zugelassen habe, dann muss ich sagen: Gott war damals nicht omnipotent.

Kipa: Wie meinen Sie das?

Sölle: Gott war klein und elend, weil er keine Freundinnen und Freunde hatte. Und so ist es auch heute, wenn unsere Mutter Erde "gekreuzigt wird", wie es der Theologe Matthew Fox formuliert. Dass es in unserer Welt immer auch die "Niederlagen Gottes" gibt und die Liebe der Menschen scheitert, hat der Schriftsteller Heinrich Böll mit dem wunderbaren Satz ausgedrückt: "Karfreitag jetzt ist es an der Zeit, Gott zu trösten." Aber natürlich gibt es neben diesen Niederlagen immer auch die Befreiungserfahrungen. Und diese Erfahrungen und Visionen vom Leben in Fülle sollten wir genauso miteinander teilen.

Kipa: Sie haben den Satz "Der Vogel Wunschlos fliegt nicht weit" geprägt und damit betont, dass Utopien für die Menschheit "notwendige Überlebensmittel" darstellen. Glauben Sie, dass heutigen Menschen die Utopien abhanden gekommen sind?

Sölle: Ich musste leider feststellen, dass eine ganze Reihe von kritischen und klugen Linken nach 1989 der Resignation verfallen sind. Sie zogen sich zurück und wagen nichts mehr zu sagen. Als Christin kann ich diese Resignation nicht billigen, zumal wir ähnliche Erfahrungen innerhalb des Christentums seit Jahrhunderten kennen: Auch Jesus predigte das Reich Gottes, doch stattdessen kam die Papstherrschaft, die Inquisition, die Hexenverbrennung, der Kolonialismus und die Eroberung der Welt im Namen des Christentums. Aber das heisst doch nicht, dass wir deswegen heute nicht weiter machen und für das Reich Gottes kämpfen sollen.

Kipa: Sie bleiben also weiterhin optimistisch und halten an Ihren Utopien fest?

Sölle: Ich bin seit 1999 durch meine Erfahrungen in Seattle wieder sehr viel hoffnungsvoller geworden. Ich entdecke heute eine neue Bewegung einer "Globalisierung von unten", die auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos wieder sichtbar wurde. Es gibt heute wieder zahlreiche Christinnen und Christen und ökologisch denkende Menschen, die sich verbünden und sagen: "So geht es nicht weiter! Es muss eine Alternative geben zu dieser falschen Globalisierung."

(kipa/bbü/job)

Dorothee Sölle: "Theopoesie in sprachloser Zeit"

Die 1929 in Köln geborene evangelische Theologin und Literaturwissenschafterin Dorothee Sölle gehört zu den bekanntesten Theologinnen unserer Zeit. 1972 habilitierte sich Sölle, die klassische Philologie und Philosophie, dann Theologie und Germanistik studiert hattte, mit einer Arbeit über die Zusammenhänge von Literatur und Theologie nach der Aufklärung.

Von 1975 bis 1987 war sie als Nachfolgerin auf dem Lehrstuhl von Paul Tillich Professorin am Union Theological Seminary in New York, nachdem ihr eine Professur in Deutschland verwehrt geblieben war. Durch ihre zahlreichen Gedichte und Bücher wie auch durch ihr politisches Engagement in der Friedensbewegung hat sich die evangelische Theologin weit über die deutschen Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht.

Im Rahmen der "Abendgespräche über Literatur und Religion" sprach Dorothee Sölle kürzlich auf Einladung des Instituts für Fort- und Weiterbildung (IFOK) an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern zum Thema "Das Eis der Seele spalten

Theopoesie in sprachloser Zeit".

Literaturhinweis: Dorothee Sölle: Das Eis der Seele spalten. Theologie und Literatur in sprachloser Zeit, Matthias-Grünewald- Verlag, Mainz 1996. 280 Seiten, Fr. 45.60.

(kipa/bbü/job)

Kipa, 29.06.2001


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