Von Oberammergau nach Hollywood
Wege der Darstellung Jesu im Film

Keine andere Gestalt wurde in 100 Jahren Filmgeschichte häufiger behandelt als der Mann aus Nazareth. Mit dem Jesusfilm beginnt sogar das Erzählkino überhaupt: Die vertraute Geschichte erleichterte das Verstehen der bewegten Bilder und gleichzeitig konnte mit dem frommen Sujet das noch als Jahrmarktsspektakel beargwöhnte Medium aufgewertet werden. Das Vorbild für die frühen Jesusfilme war das weltweit bekannte Passionsspiel von Oberammergau. Da sich aber der Ort beharrlich einer filmischen Dokumentation seiner Aufführungen verweigerte, drängten bald etliche "nach Art Oberammergau" gedrehte Streifen auf den schnell expandierenden Markt. Die Strahlkraft Oberam-mergaus reicht noch hinein in die Inszenierungs- und Erbaulichkeits-strategien des frühen Hollywood-Monumentalfilms, ja bis zu einigen späteren Werken des Genres.
"Boss, better come and have a look at your Christ." Kein Hinweis auf eine Erscheinung, sondern die anekdotische Umschreibung des Skandals, als sich nämlich der Darsteller der Christus, H. B. Warner, in der Cecil DeMille-Bibelverfilmung ?King of Kings? während einer Drehpause in den Kulissen beim Liebesspiel mit einer Komparsin erwischt wurde. Eine randständige Episode in dem soeben erschienenen Buch "Von Oberammergau nach Hollywood", in dem Autoren wie Charles Musser, Daniel Kothenschulte, Georg Seeßlen oder Hans-Günther Pflaum versuchen, die Einflüsse deutlich und nachvollziehbar zu machen, die von den Oberammergauer Passionsspielen besonders auf die großen Bibelfilme Hollywoods ausgingen. Diese vielfältigen Einflüsse gingen allerdings nicht nur über den Atlantik, so holten sich etwa Komponisten wie Richard Wagner oder Anton Bruckner Inspirationen für ihre Kompositionen. Filmproduzenten bemühten sich stets vergeblich, die Rechte an der Verfilmung der Passionsspiele zu erwerben, zuletzt blitzte ein deutscher Privatsender ab, der 4 Mio DM geboten hatte. Die Oberammergauer waren so widerstandsfähig, dass sie einmal sogar Haare und Bärte abschneiden ließen, um den Gemeinderat an der Zustimmung zum Filmkontrakt zu hindern.
Die Beiträge dieses Buches untersuchen die Spur der frühen Ableger der Oberammergauer Tradition in dem wohl populärsten modernen Medium. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend präsentiert sich "Jesus im Film" als ein äußerst facettenreicher Spiegel der Kultur- und Glaubensgeschichte unseres Jahrhunderts.
Reinhold Zwick/Otto Huber (Hg.)
Von Oberammergau nach Hollywood - Wege der Darstellung Jesu im Film
KIM-Verlag Köln 1999 ISBN 3-934311-04-0;
302 Seiten, 100 Abbildungen, Format 17,5 x 24,5 cm Hardcover, 29,80 DM
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