Charles Martig
Neben Leonardo di Caprio und Kate Winslet kann er sich mühelos als Filmstar behaupten. Zwar hat er nicht beim Untergang der Titanic mitgewirkt, sondern nur die altbekannte Passionsgeschichte verkörpert. In dieser Rolle wurde er jedoch weltberühmt: Jesus von Nazareth, genannt der Christus.
"Er kämpft nicht, er küsst nicht, er verliebt sich nicht: Er tut nicht gerade das was kommerzielle Kinohelden für gewöhnlich tun"; meint die Filmkritikerin Sheila Johnston. Und trotzdem hat er eine erstaunliche Filmkarriere durchlaufen. Bereits an der Wiege des Mediums im Jahr 1897 haben sich die Gebrüder Lumière darum bemüht, das Leben Jesu im Film darzustellen. "La vie et la passion de Jésu-Christ" war der Beginn einer neuen Ära in der Verkündigung des Evangeliums.
Jesus ging nach Hollywood
Bekannt sind vor allem die Grossproduktionen aus Kalifornien, die die Jesusgeschichte in Anlehnung an das italienische Kino in eine neue Form brachten: den Monumentalfilm. "Das Gewand" (1953), "Ben Hur" (1959), "König der Könige" (1960) und "Die grösste Geschichte aller Zeiten" (1963) haben das Jesusbild einer ganzen Generation nachhaltig geprägt. Dieser Stil des Bibelfilms hat Auswirkungen bis in die aktuelle TV-Produktion. In ?Die Bibel - Jesus? verwendet Roger Young die Bilder und Klischees des Monumentalfilms. Innerhalb von drei Stunden arbeitet die Leo-Kirch-Produktion in einer Starbesetzung die bekannten Darstellungsweisen durch. Jesus ist hier wiederum der langhaarige, in Baumwollstoffen gewandete Christus, der eigentlich schon im Voraus weiss, dass alles gut wird und mit dieser souveränen Haltung seinen Leidensweg durchschreitet. Trotz versuchter Aktualisierungen bleibt dieser Jesus den Klischees des Monumentalfilms verhaftet.
Wer ist dieser Mann?
Als Jesus in Jerusalem einzog, geriet alles in grosse Aufregung. "Wer ist dieser Mann, fragten die Leute in der Stadt." (Mt 21.20). In seinem dreiundreissigsten Lebensjahr sorgte Jesus offensichtlich für Verunsicherung und Aufsehen. Im Laufe der Filmgeschichte haben viele Regisseure versucht, diese Verunsicherung aufzunehmen und auf die Frage des Evangelisten Matthäus eine Antwort zu geben. Das Ergebnis ist jedoch ernüchternd. Im Film muss der biblische Text mittels Phantasie mit vielen konkreten Details ausgeschmückt, erweitert und angereichert werden. Dieses Konkrete löst meistens das Geheimnis auf, das im Text enthalten ist. Das bewegte Bild hat ausserdem die Kraft, unmittelbar und realistisch zu wirken. Jesus erscheint also nicht nur konkret, sondern auch noch realistisch und verliert oft noch ein zweites Mal sein Geheimnis. Zeffirelli ist mit seinem TV-Mehrteiler "Jesus von Nazareth" (1976) unreflektiert in diese Fallen getappt - und hat ein buntes, naives, detailreiches Bilderbuch ohne jedes Mysterium, ohne jede offene Frage komponiert. Pasolini hingegen hat seine Perspektive und seine filmischen Mittel in "Il Vangelo Secondo Matteo" (1964) ganz konzentriert, sich auf den Text, auf alte Bildtraditionen und Strukturen bezogen und damit neue Dimensionen sichtbar gemacht, ohne an Tiefe zu verlieren. Bis heute gilt sein Film als einer der wichtigsten zu diesem Thema.
Verborgene Bilder berühren
"Es ist unmöglich einen Film über Jesus zu machen. Und wenn man es schon versucht, dann sollte man nur auf die ureigene Vision vertrauen", konstatierte Max von Sydow. Als Jesusdarsteller in George Stevens? ?Die Grösste Geschichte aller Zeiten? hat er die Abgründigkeit des Jesus-Motivs im Film erkannt. Um dieser Schwierigkeit zu begegnen, können Filmschaffende auf die direkte Umsetzung der biblischen Geschichte verzichten. Züge der Jesusfigur werden in eine aktuelle Erzählung integriert. Jesus erscheint also mehr oder weniger versteckt, gebrochen oder distanziert. Die Deutung wird damit weitgehend dem Betrachter und der Betrachterin überlassen. Dies ist offensichtlich in der gradlinigen und gut deutbaren Erzählung "Jesus von Montreal" von Denys Arcand (1989); viel verborgener, aber aufregender und provokanter in "Bad Lieutenant" von Abel Ferrara (1992). Ein aktueller Versuch stammt von der kanadischen Regisseurin Alison Mclean. In "Jesus? Son" (Der Sohn von Jesus, 1999) erzählt sie die Heilungsgeschichte eines Drogenabhängigen. In einer witzigen Mischung aus pop-art und religiöser Ikonographie nimmt sie die Bruchstücke des Jesus-Motivs auf und spielt mit diesen Fragmenten. In der Gnade der sinnlichen Berührung zeigt sie einen Weg der spirituellen und körperlichen Heilung. Die drei Lesarten beschreiten eigene Wege, dem Betrachter nahe zu kommen und ihn zu berühren.