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Zwischen Schuld und Unschuld
"I Confess" von Alfred Hitchcock (1952)
Im Beichtstuhl hört der junge kanadische Priester Michael Logan das Mordgeständnis seines Küsters Otto Keller. Der psychisch aus dem Gleichgewicht geratene Flüchtling Keller hat einen Anwalt aus Habgier umgebracht. Das Mordopfer war aber auch ein Erpresser. Er wußte von einer Liebesaffäre, die Ruth Grandfort, verheiratet mit einem Parlamentsabgeordneten, zu Michael Logan vor dessen Priesterweihe hatte. Weil Logan das Beichtgeheimnis nicht preisgeben kann und inzwischen die blutbefleckte Soutane, die Keller bei seinem Mord trug, gefunden worden ist, gerät er selbst in Verdacht und wird vor Gericht gestellt. Die Indizien reichen aber nicht für eine Verurteilung aus. Logan wird mangels Beweisen freigesprochen. Die Öffentlichkeit ist jedoch von seiner Schuld überzeugt. Beim Verlassen des Gerichts kommt es zu Tumulten. Alma Keller, die Ehefrau des wahren Täters, kann dem Druck ihres Gewissens nicht mehr standhalten und erklärt öffentlich die Unschuld Logans. Otto Keller sieht sich von seiner Frau verraten und erschießt sie.

Die Bewahrung des Beichtgeheimnisses war bereits vor Hitchcocks Film in der Literatur und im Kino ("Das Siegel Gottes" 1949; "Die rote Herberge" 1951; "Der Kaplan von San Lorenzo" 1951) behandelt worden. Hitchcock ging es aber nicht um die Schweigepflicht, wie der deutsche wenig treffende Verleihtitel "Zum Schweigen verurteilt"nahelegt, sondern um die Übertragung der Schuld durch das Bekenntnis. Immer wieder legen die Akteure im Film Bekenntnisse über ihr Leben und ihre Schuld ab, und dieses neue Wissen verstrickt die jeweiligen Hörer in die Schuld. Diese Bekenntnisse haben bei Hitchcock nichts Befreiendes, sie führen vielmehr alle Beteiligten immer näher an den Abgrund. Seine Spannung bezieht der Film aus der für Hitchcock typischen Konstellation: Ein Unschuldiger gerät in Verdacht und der Zuschauer ist in seinem Wissen den Protagonisten des Films immer einen Schritt voraus. Die Figur des Priesters, der durch das Geständnis eines Mörders und die Verpflichtung zum Beichtgeheimnis beinahe sein Leben verliert, wird von Montgomery Clift sehr eindrücklich und glaubwürdig verkörpert.
Als die französische Filmkritik sich Ende der 50er Jahre intensiver mit Hitchcocks (1899-1980) Werken befaßte, wurde deutlich. wie sehr er auch die persönlichsten Erfahrungen in seine Filme einfließen ließ. In "I Confess" spielte er auf seine katholische Erziehung bei Jesuiten an, die ihn jede Woche zur Beichte zwang, und er schilderte eine "Vemunftehe" (Ehepaar Grandfort), die seiner Ehe mit Alma Reville entsprach. Zugleich setzte er seiner Frau in der Figur der Alma Keller mit ihrem Fleiß und ihrer Aufrichtigkeit ein kleines filmisches Denkmal. Dennoch sagte Hitchcock später über diesen Film, er hätte ihn nicht drehen sollen: vor allem, weil er noch nicht seinen eigenen Ansprüchen genügte, aber wohl auch, weil er ein finanzieller Reinfall war. "I Confess" besitzt zwar nicht die formale Brillanz von Hitchcocks Meisterwerken ("Rear Window" 1954, "Vertigo" 1958; "North by Northwest" 1959; "Psycho" 1960, "The Birds" 1963). Er legt in diesem Film aber am deutlichsten ein filmisches Bekenntnis seiner ihn prägenden katholischen respektive jesuitischen Sozialisation ab. "I Confess" ist, wenn auch kein religiöser Film im engeren Sinn, doch ein katholischer Film, in dem der Umgang mit Schuld und Sühne im Genre des Kriminalfilms am nachvollziehbarsten visualisiert wurde.
Wolfgang Hussmann
"I CONFESS" USA 1952. Produktion: Warner. Regie: Alfred Hitchcock-. Buch: George Tabori, William Archibald nach einem Theaterstück von Paul Anthelme. Kamera: Robert Burks. Musik: Dimitri Tiomkin. Darsteller: Montgomery Clift (Pater Michael Logan). Anne Baxter (Ruth Grandfort). Karl Malden (Inspector Larue), Brian Aheme (Willy Robertson), O.E. Hasse (Otto Keller). S/W, 90 Min.
Aus: P. Hasenberg / W. Luley / C. Martig (Hg.): Spuren des Religiösen im Film. Meilensteine aus 100 Jahren Filmgeschichte, Grünewald Verlag: Mainz 1995, S. 243 -244.
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